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THEMEN:

018
Die Unschuld des
Wortes


019
Der Ball ist eckig
als PDF


020
Von Fußballern
und Künstlern

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ESSAYS und ÜBERLEGUNGEN:  »... meine unbescheidene Meinung«

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018) - DIE UNSCHULD DES WORTES
             (Am Anfang war das Wort …!)

Unschuld des Wortes

Dieses Thema beschäftigt mich seit Jahrzehnten, und manchmal quälen mich die Überlegungen, die sich um die Aussagekraft des Wortes in seiner ursprünglichen Form drehen. Um diese Gedanken zu formulieren, habe ich vor geraumer Zeit eine ganz einfache Veranschaulichung herausgearbeitet:

SZENARIO
Eine Gruppe frühzeitlicher Menschen irgendwo zwischen Neandertal und Heidelberg. Der Clanchef erklärt seinen Söhnen und den Töchtern, was er so für die Zukunft erwartet.

Version A:
(Zu den Söhnen: ) » Du ... du ... und du … ich will, dass ihr euch eine Frau nehmt. Los ... ab! – Und (zu den Töchtern) du, du und auch du ... ich hab’ ein paar Männer für euch gefunden. Und jetzt ... ab!«

Klartext ... ohne Schnickschnack.

Version B:
»Hi, Familie! Ich will neue Gesichter sehen, die schnell wachsen und mir bei der Jagd und Mama beim Herrichten in der Höhle helfen sollen. Wenn ich alt bin, möchte ich ausruhen und mich bedienen lassen, Mama will nicht mehr Felle kratzen und Mäntel draus nähen, sondern mit mir die Kollektion Säbelzähne anschauen, auf die ich die Geburten meiner Enkel eingeritzt habe.«

Das ist ebenfalls noch Klartext. Einfache, unschuldige Worte, die genau ausdrücken, was in greifbarer Nähe zu erreichen sein soll. Allerdings gibt es hier bereits einen nicht ganz zweckfernen Hintergrundgedanken des ›gemütlichen Alters‹, der wohl zu Höhlengesellschaft-Zeiten nicht wirklich relevant war, da die geringe Lebenserwartung ohnehin kaum ausgedehnte Großelternfreuden gestattete.

Jegliche Unschuld verloren hatte dann eine ganz andere, etwas allgemeiner gehaltene Version eines ›älteren Clanchefs‹:
Version C:
Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: »Seiet fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht.« (1. Buch Moses, Genesis 1.28)

Da war die Unschuld dahin! Das Wort des HERRN brachte die Legitimation für alles Unheil, das der Mensch auf Erden verbreiten sollte!

Das Wort steht für sich in einem ganz eindeutigen Bezug zu unserem Alltag. Der rezeptive Wortschatz, also die Fülle an Worten, mit denen wir etwas anfangen können, steht dabei in einem besonders drolligen Verhältnis zum produktiven Gebrauch. Es soll Menschen geben, die mit kaum mehr als 300 Worten ein ganzes Leben lang gut auskommen (Hey, mach’ mal ʼn Fernseher lauter! Wo is’ ’n noch Bier? Wann gibt’s Essen? Scheiß Regierung! … etc.), während andere in geradezu druckreifer Rede mit weit über 5000 Begriffen jonglieren.
Sprache ist natürlich auch ein Teil der Allgemeinbildung. Der Umgang mit dem Wort, der Einsatz eines ganz normalen Begriffes hin zur Mehrdeutigkeit, das erfordert nicht nur ein feines Gespür, sondern auch Erfahrung … Belesenheit.

Wie rasch Worte ihre spezifische Unschuld verlieren können, zeigt sich in aller Anschaulichkeit besonders gut an täglich benutzten Begriffen.
HAUS
Jeder weiß, was damit gemeint ist, wenn jemand erklärt: "Das ist ein Haus." Und doch ist ein Haus nicht immer schlichtweg nur ein Haus. Ein kleines Einfamilienhaus am Stadtrand unterscheidet sich nicht nur durch seine Größe von der mehrstöckigen Variante im Stadtzentrum. Dort wird ein Haus schnell mal zum Block oder zum Wolkenkratzer, und irgendwo ist auch eine wuchtige Hotelanlage oder ein Königspalast nichts anderes als ein ›Haus‹. Mit einer luxuriösen Villa in Hanglage über Cannes –Mehrblick und Hubschrauberlandeplatz hinter dem Swimmingpool inklusiv– dürfte das kleine Reihenhaus ebenfalls kaum noch etwas gemein haben. Dabei wird selbst der Besitzer einer wackeligen Wellblechhütte in den Townships vor Johannisburg noch halbwegs stolz von ›my house‹ … also ›meinem Haus‹ erzählen … denn bereits der sprachliche Unterschied zu einer Hütte wäre abwertend – vielleicht sogar entwürdigend.
Und dann gibt es noch ganz spezielle Häuser: Warenhäuser zum Beispiel, Einrichtungshäuser, auch die ›Leichenschauhäuser‹ oder –nicht zuletzt– … gar ›soooolche‹ Häuser, in denen nicht jeder arbeiten möchte.

Bevor das HAUS seine sprachliche Unschuld verloren hatte, war der Begriff mit HEIM gleichzusetzen. Wer sich ein Dach über dem Kopf baute, der schuf sich ein Heim … und nannte es abwechselnd so oder eben Haus.

Die Unschuld des Wortes ging auf dem geraden Gewaltmarsch der Zivilisation in die Hektik der Neuzeit verloren. Nicht nur entwickelten sich für entsprechende Worte, die Jahrtausende unverändert überstanden hatten, neue differenzierte Bedeutungen - auch erfanden kundige Literaten und Geistesmenschen jeglicher Couleur für ein und dieselbe Sache eine Vielzahl von Worten, die in feinen und feinsten Abstufungen klarlegen sollten, worum es sich ganz genau handelte … oder gerade eben nicht. (Der bekannten Einsicht des Herrn Talleyrand sei hier Tribut gezollt: "Die Sprache ist dem Menschen gegeben, um seine Gedanken zu verschleiern.") Synonyme, Homonyme und Polysemik, Anagramme und auch Palindrome wurden Stilmittel für Wortvirtuosen und Spielzeug für anspruchsvolle Denker.

Dazu gesellten sich über die Jahrhunderte eine Unmenge von assoziativen Wortspielen, die dem Kenner ziemlich eindeutig vermittelten, was Sache ist … geradlinig ausgedrückt, dabei um die Ecke gedacht und –oft genug– für ungeübte Ohren unverständlich.

Eine geradezu wahnwitzige Fülle an trefflichen Beispielen findet man in der Unterhaltungsmusik. Besonders die Texte aus Zeiten, da noch nicht 100 x "FUCK" ins Mikrofon geplärrt wurde (und werden durfte!), bieten köstliche Assoziationen der subtilen Art:

»Mein kleiner grüner Kaktus … der sticht und sticht und sticht …«

»Maxe, der Propeller ist verbogen …«

»Komm’ in mein’ Salon und nasch’ von mein’ Bonbon …«  etc.

Und das gilt natürlich nicht nur für den deutschen Schlager.

Die Inflation selten verwendeter, bzw. auch fremdsprachiger oder fachlicher Begriffe geht manchmal jedoch Hand in Hand mit dem übermäßigen Gebrauch gleichartiger Wortschöpfungen, die offenbar alle nur den einen Zweck verfolgen: herauszumeißeln, dass der Sprecher/Schreiber einen gewaltigen Wortschatz hat und ganz nach Bedarf aus dem Vollen schöpfen kann. Hin und wieder klingen Texte mit intensiv genutztem Wortschatz dann gerne ›gesucht‹ oder ›gestelzt‹ … in den meisten Fällen unnatürlich. Nicht mehr unschuldig!

Dem christlich-sozialen Alt-Clan-Chef Konrad Adenauer wurde seinerzeit vom sozialistischen Rivalen Kurt Schumacher ironisch witzelnd (und zugleich bewundernd) vorgehalten, mit nur 500 Wörtern auszukommen … während man in Geheimrat Goethens Werken bis zu 90.000 verschiedene Buchstabenkonstruktionen gefunden haben will. Immerhin zählen anerkannte Wörterbücher der deutschen Sprache bis zu 500.000 Einträge. Das hätte sicherlich auch Johann Wolfgang von ziemlich erstaunt.
Kein Wunder also, dass die Verwirrung vorprogrammiert ist. Umso klarer sich ein Politiker ausdrückt, desto verfänglicher wird sein Programm … durchsichtig, angreifbar und zum Scheitern verurteilt. Kleidet man jedoch einen politischen Gedanken in eine schwere Robe aus vielsagendem Tand, Tüll und Tuch, bleibt beim Zuhörer zuletzt immer die Unsicherheit, ob man selbst zu doof zum Verstehen oder die Rede so verwirrend gewesen sei. Viel Lärm um Nichts zu veranstalten ist eine Kunst für sich.

Solange zwischen Geld–Moos–Knete–Piepen–Penunse–Euronen etc. und Auto–Kiste–Karre–Schesen–Bolide–Flitzer etc. hin und her gewechselt werden kann, ohne dass es zu Verständigungsproblemen kommt, braucht sich niemand zu entscheiden, ob es jetzt wirklich ›im‹ oder ›am‹ heißt … in der Bibel … da wo alles beginnt, in der Schöpfungsgeschichte.

»Im/Am Anfang war das Wort und das Wort war bei/in Gott, und Gott war das Wort.«

Überlegung A: Und das Wort war unschuldig … aber wie lange?

Überlegung B: Wie kann es unschuldig gewesen sein, wenn Gott auch schon da war? Anders gefragt: Wenn Gott das Wort war, wie lässt sich dann seine Unschuld begreifen und diskutieren?

Manchmal zweifle ich daran, dass es eine natürliche Unschuld gegeben haben kann. Schon der Begriff dazu macht mich stutzig: Un-Schuld. Irgendwo ist das meinem Sprachempfinden nach ein Un-Wort.

 

Aber das wäre eine andere Geschichte (=ein anderer Blogbeitrag)!

 

 

©a.zeram 2013

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Strich für Absätze

019)  DER BALL IST ECKIG
       
(… aber das Leder läuft runder denn je!)

DerBall ist eckig

50 Jahre Bundesliga … ja, da denke auch ich zuweilen an jenes Jahr 1963 zurück.

Und … wer erinnert sich nicht gerne an die wilden und doch so unbeschwerten Zeiten der Kindheit und Jugend – als der Bolzplatz Kommunikationsmittelpunkt, Mitspieler die besten Freunde und Fußball ganz allgemein die herausragende Freizeitbeschäftigung war?

Klar … hier klammere ich vielleicht die Mädels aus, die das Herumgerenne der Jungs etwas verständnislos verfolgten oder –wenn sie sich denn zum Mitspielen entschlossen hatten– vielleicht gar nicht auf dem heiligen Acker erwünscht waren. ("Määäädchen dürfʼn nich’ mitschpiiiiielen! Mädchen heulʼn doch immmmmma!") Heutzutage, wo selbst die EM-Qualifikationsspiele der Fußball-Damen ebenso selbstverständlich (auch zur Primetime) in den Medien übertragen werden wie anno dunnemals ausschließlich die Wettkämpfe der Herren, dürfte es bald kein Problem mehr für Mädchen sein, sich im Nachbarschaftsduell einer Mannschaft dazuzugesellen.

So oder so … das war in jedem Fall mehr als nur ein Spiel. Zugehörigkeitsdenken war intern natürlich nicht gegeben, denn die Mitspieler wurden meist nach dem Prinzip ›Du spielst heute mit mir‹ gewählt – jeden Tag neu, für jedes Spiel eine andere Zusammenstellung. Ging es aber um einen Wettkampf gegen eine andere Mannschaft aus der Nachbarschaft, eine andere Klasse oder (später dann) eine andere Schule, war die Zugehörigkeit nebst Teamgeist und dem ewigen dumas’schen Motto ›Einer für alle, alle für einen‹ vorgegeben.

 Ja1954er Ball schwarz, das waren noch Zeiten … und die wird es hoffentlich auch weiterhin geben.

Ein wenig skeptisch wird der Fußball-Freund, wenn er sich die vorgegebenen Grundlagen und Anforderungen dieses Sports ein wenig zu Herzen nimmt. Man stelle sich zum Beispiel mal vor, dass der Firmen-Club A aus Buchhaltern, Lagerkräften, Vertretern und Führungspersonal (Gibt’s das wirklich? – Ja, gibt es!) gegen die Auswahl der Firma B antritt. Ganz normal … kommt immer wieder vor. Aus so manchem dieser Werksvereine wurden namhafte Mitstreiter im deutschen Bundesliga-Oberhaus. So und jetzt bekommt der tolle Mittelstürmer von FC A, der in jedem Spiel mindestens zwei Tore macht, ein Angebot von FC B, der gerne möchte, dass dieser Bomber für sie spielt. (FC = Firmen-Club!)

Verrückt nicht? Während ein normaler Freizeitsportler niemals in einer Fremdmannschaft gegen seine eigenen Arbeitskollegen, Nachbarn oder Mitschüler spielen würde … die Profis tun das inzwischen ganz ohne jede skrupulöse Anwandlung.

Da gibt’s ein tolles, noch unbekanntes Torwarttalent bei einem Drittligaclub – ablösefrei und selbst noch ohne wirkliche Gehaltsvorstellung? Her damit! ›nen tollen falschen Sechser bei XYZ … abgeworben vom Verein ABC – Ablösesumme 10 Millionen. Einer fürs Feine mit 50 Meter Spitzenpässen quer übers Spielfeld auf den Mann … 20 Millionen. Ein Goalgetter mit dem Riecher für jeden abzustaubenden Ball … 25 Millionen.

Die aktuellen Transferkosten der internationalen Superstars im Hinterkopf, frage ich mich manchmal, wann endlich die Milliarde geknackt wird!

Ohne jetzt in peinliche und unsinnige, da wenig hilfreiche Details abdriften zu wollen … muss denn ein Top-Spieler des Vereins A tatsächlich zum größten Konkurrenten B wechseln … um dann in der nächsten Saison gegen jene zu spielen, die mit ihm zusammen mühselig was auf die Beine gestellt haben? Den Aufstieg geschaft haben? Vielleicht sogar Meister waren? Vielleicht über Jahre zusammen gekickt haben? Schon als Kids und später in der Jugendmannschaft?

 Kantig … sehr kantig, diese Aussicht, dass ein Spieler heutzutage kein Vereinsdenken mehr in sich aufgenommen haben soll. Ich selbst bin noch mit Leuten wie ›Uns Uwe‹, ›bin–i–Radi–bin–i–König‹ oder dem ›Regisseur‹ Overath groß geworden, habe mich an Stan Libudas Dribblings ebenso ergötzt wie an Bomber Gerds Drehmoment, an Netzers haarfeinen Flanken, des Kaisers genialen öffnenden Pässen und an Sepp Maiers ›katzenhaften‹ Tauchsprüngen. Und … über allem schwebten die Legenden meiner Kindheit: Pelé, Rivelino, di Stefano, Eusébio, Jaschin … von den Helden der Berner Wundergala 1954 mal ganz abgesehen (… denn das war mein Geburtsjahrgang)! Alles Kleinverdiener im Vergleich zu den heutigen Superstars! Und zudem: Diese Größen standen nicht nur für den Fußball als Volkssport, unter anderem waren sie auch Repräsentanten ihres Vereins … ihrer Stadt, ihrer Region … ihres Landes. Meist … nicht immer, das muss ich zugeben! (Ein Timo Konietzka, der Schütze des ersten Tores der Bundesligageschichte, der auch mit 1860 München Meister wurde, kam aus Dortmund … und holte dann in der Schweiz weitere Titel! QED?  – Tja … vielleicht …!)1930er Ball schwarz

Und dann begann (vielleicht mit Braunschweigs Jägermeister-Werbung, in jedem Fall mit den zunehmenden, steil ansteigenden Umsatzzahlen außerhalb der üblichen Ticketeinnahmen) eine seltsame Zeit des sportlichen Ausverkaufs.

Umso mehr Geld ins Spiel kam, desto unübersichtlicher erschienen die profitorientierten Transfer-Gedanken der Spieler, Trainer und Vorstände. Natürlich hatte schon der unvergleichliche Helmut Haller 1962 nach Italien (zum FC Bologna) gewechselt … und nicht gerade für ein Butterbrot. (300.000 DM – das war damals sehr viel Geld!) Doch zu jener Zeit stellten solche Auslandsspieler eher die absolute Ausnahme. Die Gehälter hielten sich in der Regel sehr in Grenzen … so mancher Rasenstar arbeitete nebenher weiterhin in einem erlernten Beruf.

War es der Boulevardpresse der Sechziger bis Achtziger noch eine Schlagzeile wert, wenn sich ein Fußballstar einen tollen Sportwagen zulegte … inzwischen weiß der Fan, dass sich sein Idol jeden Luxus leisten kann, und braucht über einen neuen Ferrari nicht mehr informiert zu werden – zumal die Villa mit Privatjet ohnehin ein Vielfaches des Jahresgehaltes eines Normal-Fußballliebhabers kostet. Der Verdienst der Topstars hat eine Sphäre erreicht, die längst Bodenkontakt aufgeben musste. Die Milchmädchenrechnung hilft da auch nicht weiter: Wie viele Zuschauer braucht ein Verein im Lauf einer Saison, um sich auch nur einen einzigen Spieler leisten zu können, der mehr als 5 Millionen im Jahr verdient? Und wie viel müssen Vereine wie Real Madrid, FC Barcelona, Bayern München, AC Mailand oder der FC Chelsea bewegen, damit ein Kader finanziert werden kann, dessen Wert umgerechnet die Gesamtbevölkerung des Tschad wahrscheinlich für ein Jahrzehnt lang ernähren könnte?

Es ist inzwischen bekannt geworden, dass Ticket-Verkäufe bei den Top-Vereinen nur noch einen kleinen Teil der Nettojahres-Einnahmen ausmachen. Aus dem Sportclub ist längst ein intermediales Wirtschafts-Unternehmen geworden, für das – ja, aber sicher – unter anderem auch Sportler arbeiten … im Fokus allerdings! Hintendran arbeitet ein Kader, der hundertmal so groß wie die Spieler-Riege sein kann, denn vom Vereins-Restaurant bis hin zum Reisebüro, von der Fanartikel-Boutique bis zum Computerspiel ist alles detailliert durchgeplant. Die Rechteabteilung kümmert sich unter anderem auch um die Lizenzen, die dem entsprechenden Verein gewaltige Einnahmen sichern … nicht nur über die Trikot-Werbung, TV-Rechte oder die Banner der Industriefirmen im Stadion.

Ball mit Geldzeichen-schwarzEckig, sehr eckig … weil Geldscheine, Vertragsformulare, Schecks, Bankauszüge etc. immer rechtwinklig daherkommen und nur das Leder selbst rund bleibt … in Einzelecken, aus denen es ›äußerlich‹ zusammengesetzt wurde. Dadurch erscheint mir der Ball, um den es letztlich geht, nicht mehr wirklich rund. Irgendwo flattern diese eckigen Geldscheine und Verträge, Lizenzvereinbarungen und Werbeverträge übers Spielfeld, drängen mit Wucht in den Strafraum und zappeln schließlich sichtbar und zählbar in aller Wertsteigerung oder Verfall im Netz. Die Spieler spielen … der Verein macht den Rest. Und wenn der Verein meint, dass ein Spieler nicht ins Konzept passt oder ganz schlicht aus wirtschaftlichen Gründen ersetzt werden muss, dann beginnt das Mensch–ärgere–Dich–nicht–Spiel für alle Beteiligten erst richtig.

Der eine Superspieler möchte ja gerne beim zukünftigen Superclub spielen, darf aber nicht. Der nächste möchte ganz gerne bei eben diesem bleiben, wird jedoch –wie es sein Vertrag gestattet– quasi wie ein Leibeigener oder Sklave ›verkauft‹ und in die Ferne geschickt. Andere werden mit völlig verrückten Versprechungen geködert oder gehalten … 1990er Ball schwarz

»Money, money, money … sure is funny in a rich man’s world.« (Siehe auch meinen Beitrag zum IMMER MEHR!)

 Aus Sportler-Persönlichkeiten sind attraktive Marionetten geworden, die genau das umzusetzen haben, was ihnen Fans, Trainer, Vorstand und Marktsituation abverlangen. Dass Revierrivalen ihre Spieler inzwischen ebenso austauschen wie manche Vereine ihre ›nicht benötigten‹ Cracks ganz locker an die Konkurrenz ›ausleihen‹ … alles inzwischen Usus – jeden Spiel-Tag, jede Saison …in jeder Profi-Liga.1974er Ball schwarz

Ein unausbleiblicher Seitengedanke kommt dem sportbegeisterten Laien immer dann in die Quere, wenn von den großen Verbänden die Rede ist. Dabei ist natürlich auch der Fußball grundsätzlich im Fokus. Dort, wo viel Geld gemacht, umgesetzt und ausgegeben wird, schleicht sich ganz unweigerlich die menschliche Art des Querdenkens ein: Profitgier und Bestechlichkeit reichen sich die Hände, wo sportliche Interessen auf wirtschaftliches Kalkül treffen und schließlich die Zahlen unterm Strich nicht nur schwarz sein sollen … sondern de facto sogar wichtiger sind als das, was uns eine halbe Menschheitsgeschichte lang als Fairness verkauft und vorgegaukelt wurde. Da braucht es keinen Dopingskandal bei der Tour de France oder den leichten Athleten der Tartanbahnen, da bedarf es lediglich ein wenig feinsinnigen Nachdenkens,

200px-Qatar_2022_bid_logo.svgwenn sportliche Großereignisse an Länder vergeben werden, die solche medienwirksamen, milliardenträchtigen Spektakel eigentlich gar nicht ausrichten dürften. Fußball in der Wüste, Olympia in Knebeldiktaturen, Weltmeisterschaften auf Kosten der Bedürftigen … das soll an dieser Stelle nicht vertieft werden. Auch das heikle Thema ›Doping‹ möchte ich hier wirklich nur gestreift haben, denn es passt ebenso wenig ins Gesamtkonzept einer wirtschaftlich rentablen Vereinsführung wie Kritik einzelner Sportler am Trainerstab, an Mitspielern, Presse oder gar den Vorgaben des Vereins ganz allgemein. 90 Minuten Power müssen –um zum Hauptthema zurückzukehren– im Fußball abgerufen werden, damit der Laden läuft … egal wie! Das ›Mitspracherecht‹ des Spielers sollte dabei nicht überbewertet werden. Auch der Flankengott ist ersetzbar, auch der Torschützenkönig vom Vorjahr … und der Meistertrainer. Irgendwo gibt es immer einen Ersatz!

Und … Vorsicht! Irgendwann steht jede Vertrags-Verlängerung oder Neuverhandlung mal an!

Da können Schülermannschaft oder Büroclubs der privaten Sportriege nur resigniert abwinken. Dort gibt es noch die ›alten Rechnungen‹, die zu begleichen sind (….nach dem deprimierenden 1:10 im Vorjahr kommt jetzt aber die Revanche!) … zumindest auf der einen Basis, da es sich ja um in etwa die individuellen Spieler der Mannschaften handelt, die auch zuvor gegeneinander gespielt haben.

BVB-schwarzDie Schreckensvision, die mir im heutigen Spielbetrieb durch den Kopf geht, ist folgende:

Borussia Dortmund (z. B.) spielt in der Aufstellung A–B–C–D–E–F–G–H–I–J–K (also 11 Mann) mit Trainer L gegen (z. B.) Bayern München, die P–Q–R–S–T–U–V–W–X–Y–Z aufbieten und von Trainer O dirigiert werden. Im Folgejahr haben die Bayern B–C–D–E und H von Dortmund abgeworben, während Dortmund sich über R–S–T–X und Y von Bayern freut, die dort nicht mehr gebraucht werden. Im nächsten Jahr wird der Trainer von Dortmund aufgrund irgendwelcher Differenzen gekündigt, geht nach Mailand, Tottenham oder Porto, während weitere Spieler an die Bayern abgegeben werden. Schließlich mag Trainer O in München den Fön nicht mehr, streitet dauernd mit dem Vorstand und entscheidet sich –auch um den Bossen an der Isar eins auszuwischen– für Dortmund als nächste Station seiner Karriere. Weitere Spieler wechseln, Trainer O nimmt zudem 3 seiner Lieblinge aus der Isarmetropole in den Norden mit und färbt sie gelb-schwarz.FCB-black

 So, vier Jahre später stehen sich dann die Clubs wieder gegenüber … Trainer L –inzwischen weltweit erfolgreich, aber mit Heimweh nach Good Old Germany– hat sich von den Bayern verpflichten lassen und einige seiner Ex-Dortmunder, die inzwischen im Ausland gespielt hatten, mitgebracht. Einem findigen Sportreporter fällt dann plötzlich auf, dass Bayern unter Trainer L mit den Spielern A–B–C–D–E–F–G–H–I–J–K aufläuft, Dortmund unter Trainer O mit den Spielern P–Q–R–S–T–U–V–W–X–Y–Z alte Rechnungen begleichen will.

Ich habe gewagt, die beiden Städte-/Vereinsnamen zu nennen, damit auch der Gelegenheits-Fan dieses Sports in etwa nachvollziehen kann, was ich in meinen wirren Überlegungen ausführen möchte. Klar? – Es stehen beliebige Mannschaften zur Diskussion … nur, in diesem Fall spielen hier die beiden derzeitigen Top-Mannschaften gegeneinander … egal in welcher Kombination. Im Extremfall spielen dann de facto Bayern gegen Bayern und Dortmund gegen Dortmund … mit auswechselbarem Trainer wie Kader.

Bitte nicht missverstehen!

Fußball in Perfektion ist schneller und virtuoser geworden. Was die Ball-Künstler heutzutage (über oft 2 Stunden und länger) auf dem Platz abrufen … da bleibt dem Laien vor staunender Bewunderung oft nur die Kinnlade offen stehen. Konzepte, komplizierte Strategien, Tricks bei Freistößen und Eckbällen, eingeübte Spielzüge … sicher hat es das früher auch gegeben – aber eben nicht in dieser gehäuften Perfektion.

Die Spieler sind tatsächlich zu Spitzen-Athleten geworden, (seit dem Bosmans-Urteil als ›normale Arbeitnehmer‹ bezeichnet), die Trainer sind (der saisonalen Form ihrer Crew auf Gedeih und Verb ausgelieferte) Dirigenten und der Verein ein (vielschichtig in auch völlig ›artfremden‹ Betätigungsfeldern agierender) Firmenkonzern. WM_2014

Umso mehr Geld ins Spiel einfließt und dadurch auch das sportlich Allgemeine bestimmt und beherrscht, desto beeindruckender die Leistungen … inklusive der notwendigen, dem Mammon verpflichteten Nebeneffekte, die ich hier nicht im Einzelnen durchkauen möchte. Jeder kennt sie oder kann sie sich zumindest vorstellen. Geld regiert zuweilen auch Fairness, Teamgeist, Öffentlichkeitsarbeit! Manchmal … ja, OK, oft … aber nicht immer … nicht grundsätzlich und nicht bei jedem Sportclub. Jedenfalls nicht bei jenen, die in der obersten Liga keinen Fuß auf den Rasen bekommen!

Vor allem aber regiert Geld die Qualität der verfügbaren Ressourcen! Nicht umsonst beschränkt sich die Weltspitze (nicht nur, aber vor allem in den Massensportarten wie Fußball) auf einige wenige, finanziell bestens abgesicherte Vereine. Wer sich den Superstar aus Südamerika oder den Meistertrainer aus dem europäischen Umfeld leisten kann, der schlägt zu. Vereine der Mittelklasse müssen da grundsätzlich auf gänzlich anderer Basis kalkulieren … und dann auch –ganz folgerichtig– sportlich agieren!

Gewinnen können letzten Endes trotzdem immer die Fans, die sich auf ein hochklassiges, spannendes (nach Möglichkeit auch torreiches) Spiel freuen. Sie sollten sich vielleicht nicht andauernd die astronomischen Gehälter ihrer Stars durch den Kopf gehen lassen und die vielen Nullen vor dem Komma an jedem Wochenende und bei jedem Extraspiel gegen die dargebotene Leistung auf dem Platz in die Waagschale werfen. Denn hinter dem Komma bleiben selbst die Dribbel- und Flankengötter ganz einfach: Menschen … die (wie jeder Normalsterbliche auch) einer Tagesform unterliegen. Und … auch die eingefleischtesten Fans sollten nicht allzu sehr an einzelnen Spieler-Trainer-Manager-Persönlichkeiten hängen, denn wer heute rot-weiß den Stern des Südens hochleben lässt, mag schon morgen gelb-schwarz eben diesem Gegner die Lederhosen ausziehen wollen. Genauso engagiert, genauso fanatisch … genauso professionell!

FIFA Logo-black

Honi soit qui mal y pense!

 

©a.zeram 2013-2016 und folgende!

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20) VON FUSSBALLERN UND KÜNSTLERN
 
    (oder: Sind Sportler Künstler?)

FUSSBALL und KÜNSTLER-midi

Fußball! – Begeisterung! – Spannung – Rivalität!

Da ich grundsätzlich an jeglicher Art von Sport interessiert bin, wenn es dabei um einen Ball und Taktik geht, um Gelenkigkeit, Überblick, Selbstbeherrschung und Aus-Sich-Rausgehen, um Begeisterung und Siegesfreude … kommt natürlich auch diese Sportart zuweilen voll in meinen Fokus. Ein richtig gutes Spiel ohne unnötige Fouls, mit spannenden Torszenen und bewundernswerten Pässen, mit Dribblings und 50-Meter-Flanken, mit Torwartparaden und spektakulären Fernschüssen, mit kreischenden Reportern und johlenden (echten) Fans, mit bodenturnigem Torjubel der Schützen und La-Ola-Welle auf den Rängen … ja, das kann auch mich begeistern – nicht nur zu Weltmeisterschaftszeiten und nicht nur, wenn da ein paar bekannte Größen aus der einheimischen ersten Liga spielen.

Bereits seit meiner frühen Jugend habe ich mich für die Helden der Nation … von ›uns Uwe‹, Haller und Schnellinger bis hin zum jungen Beckenbauer … und die Größen im Ausland – von Pelé und Eusébio bis hin zu Lew Jaschin begeistern können! Da gab es spannende Zusammenfassungen in der Sportschau und diese grandiose WM in England mit dem berüchtigten 3:2 im Endspiel. Eine unauslöschliche Erinnerung waren für mich die Dribblings von Beckenbauer und die grandiosen Leistungen des russischen Nationaltorwarts Jaschin. Das hat richtig Spaß gemacht!

 

Und so wie es dann eben auch kommen kann, stelle ich zuweilen (immer öfter) fest, dass die Spiele vor lauter Taktik an Attraktivität verlieren, dass gezeigtes Zweikampfverhalten eher in den Ring oder auf die Matte gehören, so mancher hochgejubelte (und vor allem: hochbezahlte!) Star schon bei der Ballannahme gewisse Schwierigkeiten offenbart und selbst der zurückhaltendste Stammtischphilosoph zuweilen ein besseres Auswechselhändchen hätte als der gerade zur Debatte stehende Trainer.

Manchmal wird es dem nicht nur am Sport interessierten TV-Gucker dann bewusst, dass die entsprechenden Vergleiche immer wieder hinken:

»Ballartisten … Fußballkünstler … blindes Verständnis im Ensemble wie in einem Orchester … ein Quartett von Virtuosen … geniale Spielzüge … ein Dirigent am Spielfeldrand …« und dergleichen Phrasen mehr – von Sportreportern und -kommentatoren offenbar heiß geliebt und bis zur Groteske immer wieder bemüht.

Ich möchte keine vom Rasen auf die Musik umgedachte Orchestersuite, keine sinfonische Dichtung und erst recht keine ausladende, ganze Sinfonie von diesen hochgelobten Ensembles an Superstars anhören müssen … noch nicht einmal ein Streichquartett! (Im Übrigen auch keine choreografische Aufführung. Die sollte dort belassen werden, wo sie hingehört. Die beliebten Zeitlupensequenzen am Ende eines Spieltages mag man getrost als nette Zugabe akzeptieren – keinesfalls jedoch als ›Fußball-Ballett‹!)

In der Regel klappen auf dem grünen Rasen von 10 Versuchen bei viel Wohlwollen und Glück vielleicht 4 oder 5 … und damit meine ich solche Alltäglichkeiten wie Intonation (Ballbeherrschung), Phrasierung (Übersicht-Passverhalten) oder Virtuosität (Torschüsse, Torabwehr, Verhinderung gegnerischer Angriffe). Einige Ausnahme-›Künstler‹ (!) schaffen es vielleicht auf 8 oder 9 Erfolgspunkte von 10. Aber auch nicht grundsätzlich und bei jedem Spiel!

Man stelle sich einmal vor, ein instrumentaler Virtuose (z. B. Violine/Klavier/Gitarre) würde mit einer 10 bis 20 %en Fehlerquote auftreten! – Bei Paganini/Liszt/Giuliani eine Zumutung, aber selbst bei einem technisch weniger anspruchsvollen Stück wirklich kein Ohrenschmaus mehr! Und auch der populärmusikalische Genießer wird sich seine virtuosen Helden nicht anhören wollen, wenn sie nicht ›richtig‹ spielen. Egal, ob es sich um einen metallenen ›Gitarrengott‹ handelt oder um einen romantischen ›Klaviersülzer‹!

Und dann: Man versetze sich in einen Dirigenten, der seine Hörner mit einem besetzt, der ein wenig indisponiert rüberkommt oder mit einem unsauberen Einsatz die halbe Mannschaft (das Orchester) aus dem Rhythmus bringt! Oder einen, der aus gewisser Zuneigung zu einem Verletzten doch noch eine Aufstellung im Entscheidungsspiel ermöglicht … damit zumindest die Prämie gesichert ist! Der dann aber zu langsam spielt … für jedes Ensemble im künstlerischen Bereich eine Katastrophe. Eigentlich nur bei Laien denkbar, nicht bei Vollprofis … die noch dazu (wie unsere Fußballhelden) ›richtig Kohle‹ machen!

OK … Fußball ist ein Kampfsport, da geht es um Gegner und auch die haben ein Wörtchen mitzureden. Im musikalischen Orchester spielen alle mehr oder weniger harmonisch miteinander und es ist (zumindest meines Wissens) bis auf die Musikbeschallung auf Jahrmärkten und Oktoberfesten noch nie vorgekommen, dass sich zwei Orchester gegenseitig mutwillig stören und ›besiegen‹ wollten.

Nur … sollte man beim Sport (gleich welchem, aber bei diesem massenhysterischen Spektakel ›Fußball‹ im Besonderen) nicht endlich auf die Attribute verzichten, die tatsächlich dorthin gehören, wo es unverzeihlich ist, auch nur den geringsten Fehler zu machen?

Eher noch sind doch Chirurgen oder Techniker Künstler und Virtuosen als Fußballer! – Und –um das in der Definition selbst mal klarzustellen– in jedem Fall sollte ein »Künstler« eigentlich Kunst erschaffen … oder interpretieren! Solange eine ›Notbremse‹, eine ›Blutgrätsche‹ oder eine ›Schwalbe‹ zum Tagesgeschäft eines Fußballers gehören, bin ich eher noch geneigt, einem Tennisprofi den Status eines Künstlers zu verleihen. (Dieser wirft seinem Kontrahenten wenigstens den Schläger nicht an den Kopf, um seinen Sieg zu vereiteln – auch wenn sonst ziemliche Ähnlichkeiten bestehen … zumindest finanziell und verbal.)

Auch der erfolgreichste Stürmer kann den Ball immer nur ›einnicken‹ oder sonst irgendwie über die Linie ›kicken‹. Man erwartet von ihm keine metaphysische Genialität. Er soll da stehen, wo der Ball vor dem gegnerischen Tor auftaucht und ›ihn reinmachen‹ … wie auch immer. (Auch mit der ›Hand Gottes‹, wie man erfahren hat!) Die mögliche Grazie, eine vorstellbare Eleganz des Bewegungsablaufes … nun, man sollte vielleicht auch solche Begriffe in die Bereiche des Kunsttanzes verlegen und dort belassen. Kein schweißüberströmter Mittelstürmer mit verdrecktem Trikot wird für sich ernsthaft irgendeine Art von motorischer oder auch visueller Ästhetik beanspruchen wollen … jedenfalls nicht im Sinn des Wortes! Selbst der spektakulärste Sprung eines Torwarts hat –dies nur nebenbei– nichts von der unglaublichen Art, mit der eine Katze ihren Körper beherrscht … auch wenn das Attribut ›Katze‹ so manchem Torwart zugedacht wurde und immer noch wird! (Der große Sepp Maier möge mir dies verzeihen!)

Die oft zitierten ›gezirkelten‹, Spiel-öffnenden Flanken über 40 oder 50 Meter eines ›wie eine Gazelle‹ über den Rasen schwebenden Mittelfeld-›Regisseurs‹(!) mit dem ›Blick eines Geparden‹ für seine Mitspieler bezeichnen vielleicht doch eher die Begeisterung eines fantasievollen und wortgewandten Sportreporters im sicheren Abstand zum Geschehen auf der Tri-›Bühne‹(!) … mit dem bevorzugten Blickwinkel von oben herab. Und wenn aus der erwarteten Super-Flanke ein verunglückter Querschläger wird, der zum Siegtreffer führt, dann interessiert das nach Spielende nur noch die Akribiker!

Genauso, wie nach dem Abpfiff viele vermeidbaren und vermeintlichen Fehler marginal werden und sich selbst relativieren. Der Schiedsrichter hat ein reguläres Tor nicht gegeben, das sich in der Video-Aufzeichnung als eindeutig und zweifelsfrei erwiesen hat? Tja, Pech für die Mannschaft, der dieser Treffer nicht zugesprochen wurde – Glück für die Gegner, die möglicherweise das Spiel sogar knapp gewonnen haben … eventuell durch einen unberechtigten Foul-Elfmeter.

Virtuose Schiedsrichter? – Erstaunlicherweise bekommen die Herren in den klar unterscheidbaren Trikots (früher waren sie immer schwarz!) keine ›künstlerischen‹ Attribute. Sie werden weder als leichtfüßig noch als brillant bezeichnet, auch nicht als genial oder fantastisch. Wenn überhaupt, dann ›greifen sie durch‹ und zücken farbige Kärtchen, pfeifen und trillern ihre Entscheidungen ins Stadion und dürfen (seit 2009 in der Testphase, seit der WM 2014 offiziell) –mit Sprayflaschen ausgerüstet– den hochbezahlten Superstars mit schnelltrocknendem Schaum anzeichnen, wo sie bei einem Freistoß zu stehen haben!

Sie spielen ja auch nicht, haben den Ball nur in der Hand, wenn das Spiel selbst nicht läuft, und dürfen (in der Regel) auch nicht mitmachen, wenn Stürmer und Verteidiger sich gegenseitig den Rang ablaufen wollen. (Dass sie manchmal –vorwiegend im Mittelfeld beim schnellen Spielaufbau/Konter– im Weg stehen und dadurch gar spielentscheidende Hindernisse darstellen, steht auf einem anderen Blatt!)

Keinen Deut besser sind die Linienrichter dran … alles solide Handwerker … keine Künstler!

Dabei sollten gerade diese Akteure auf dem Platz ganz bewusst großen Einfluss auf das Spiel nehmen. Wie viele folgenschwere Fouls hätten vermieden werden können, wenn die Schiedsrichter ihre ›Künstler‹ rechtzeitig daran erinnert hätten, dass sie sich auf dem grünen Rasen des Ruhmes befinden und nicht in einem Steinbruch! (Dass 1966 die hoffnungsvollen Brasilianer nach dem verletzungsbedingten Aus für ihren Superstar Pelé die Vorrunde nicht überstanden, findet eine gedankliche Auflösung im fatalen Ausscheiden Neymars 2014. Fouls –brutal oder auch unbeabsichtigt– führen zu Verletzungen und sollten nach Möglichkeit unterbunden werden … im Voraus … durch Verschärfung der Regeln!) Wie viele unglückliche Entscheidungen hätten vermieden werden können, wenn sich die Schiedsrichter untereinander besser abstimmen und vielleicht auch gegenüber den Verbänden entsprechende Forderungen durchsetzen würden, die Fehlentscheidungen auf ein Minimum beschränken könnten? (Immerhin hat die Beweisführung durch eine ›Torkamera‹ inzwischen einigen Zuspruch gefunden!)

Dennoch haben auch die härtesten Fouls (Sevilla 1982), die fatalsten Entscheidungen (Wembley 1966), die unvorstellbarsten Ausschreitungen sogenannter ›Fans‹ (Brüssel 1985) und viele kaum überblickbare Mängel der Veranstalter und Verantwortlichen (Stadien, Sicherheitsvorkehrungen etc.) die Faszination dieses Sports nicht mindern können. Solange das Leder rollt, wird es Begeisterte geben, die in die Stadien strömen, um ihre Mannschaft anzufeuern – und solange die Stadien besucht werden, wird es auch TV-Übertragungen zur Prime Time geben, die Millionen vor die Bildschirme locken. Das große Geld wartet hier wie dort. Nicht das Spiel selbst ist es, was die Millionen in die Vereinskassen spült, sondern die Tatsache, dass sich über eine (vorzugsweise) erfolgreiche Mannschaft ein gigantischer Werbeapparat aufziehen lässt, der das wahre, große Geld bringen soll!

Das Spiel selbst bleibt dabei unangetastet. Selbst der naivste Fan wird kaum annehmen, dass ein Spieler dessen Transfersumme 50 Millionen beträgt, wirklich besser spielt als der Konkurrent auf dem Markt, der ›nur‹ 25 Millionen erreicht hat! – In der Regel bejubelt der Durchschnittsfan einfach nur einen prima Spieler (oft sogar aus der Region/Jugend), der sich Mühe gibt, seiner Mannschaft zum Sieg zu verhelfen und damit dem Fan Glücksmomente beschert.

Das ist nicht nur in Deutschland so, wo derzeit weltmeisterliches Selbstbewusstsein auf einen spürbaren Aufschwung im Jugendbereich hoffen lässt. Auch wenn die richtig großen Summen von den Top-Clubs aus Spanien, Italien und England für Transferspieler gezahlt werden, und man von den Nachwuchskräften aus Südamerika oder Afrika immer erst dann hört, wenn sie zu solchen Clubs wechseln, der globale Zirkus lebt auch von den kleinen, unbedeutenden und unbekannten Kickern.

Im Normalfall wird auf dem Rasen einfach nur Fußball gespielt … ohne bemerkenswerte Genialität, ohne herausragende Künstler, ohne weltweit in Millionen Haushalte gesendete Liveübertragungen … und auch ohne parallele Festivitäten auf den Prachtstraßen und Plätzen der Hauptstädte.

Selbst Brasilianer spielen nur mit Leder … wie man kürzlich herausgefunden hat! – Die Entzauberung der Ballkünstler fand im eigenen Land statt, vor eigenem Publikum und eigens für die WM gebauten, aufwändig hergerichteten Stadien. Das hat auch das Eröffnungsspiel der WM 2014 gegen Kroatien gezeigt: eine sehr unsauber gespielte Sinfonie in zwei Sätzen … mit viel Leerraum und Wiederholungen, Intonationsmängeln und wenigen echten Höhepunkten. Immerhin ist einem der Cellisten gleich zu Beginn eine ganze Anzahl von Saiten gerissen … sehr zur Freude des gegnerischen … Orchesters!

Der Name Marcelos –eigentlich: Marcelo Vieira da Silva Júnior– (am Anfang) wird für diese WM-Geschichte genauso seinen Platz behalten wie der Mario Götzes (am Ende).

 

Samba!

 

p.s.: Dabei gibt es tatsächlich ›Fußball-Künstler‹! Das sind Menschen, die eine derartige Ballbeherrschung entwickelt haben, dass sie stupende Tricks beherrschen … allerdings nicht auf dem Spielfeld – eher im Zirkus oder zu sonstigen Show-Zwecken: weil eben auch der angreifende/verhindernde Gegner fehlt!

Alles klar?

 

 

©a.zeram 2014

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