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THEMEN:

015
Suchtgefahr I
(Viel  Rauch um nichts)

016
Suchtgefahr II
(Finanzkrise ganz privat)

017
Suchtgefahr III
(Größer-Besser-Mehr)
 

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ESSAYS und ÜBERLEGUNGEN:  »... meine unbescheidene Meinung«

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015 - SUCHTGEFAHR (I - VIEL RAUCH UM NICHTS?)
(›Mein Auto fährt auch ohne Wald!‹)

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In den Achtzigern gab es diesen (auch rückblickend) fatalen Spruch (der sogar in die Legion der berühmt-berüchtigten ›Sponti-Sprüche‹ aufgenommen worden ist) als Folge der Diskussion um Waldsterben, Umweltverschmutzung und Energieengpässe (... die sich –was weniger bekannt ist– bereits in den Dreißigern prächtig durchdiskutieren haben lassen!). In Anlehnung an diese verkappte Einsicht gab es dann auch auf entsprechende Interessentengruppen zugeschnittene Variationen.
Zum Beispiel die Raucher:
Warum soll ich nicht rauchen? Mein Auto raucht doch auch!‹ (... selbst Otto Waalkes hatte sich diese Weisheit in einem Sketch zu eigen gemacht)
Meine Lunge filtert besser als jeder Katalysator!‹ (... wahrscheinlich eine biologische Einsicht jener, die fünfzig Jahre ohne Lungenkrebs überstanden hatten)
Meine Lunge gehört mir!‹ (... vor allem Männer hatten endlich ein Organ gefunden, das sie wie die Frauen zur Selbstbestimmung einsetzen konnten!) ... und viele andere mehr.
Dabei bezeichnet der eine wie der andere Scherz eigentlich eine sehr ernste Angelegenheit ... und ist wahrscheinlich auch gerade deshalb rasch beliebt geworden, da über Ironie und Sarkasmus jeglicher Selbstbetrug leichter fällt als über die rhetorische Beweisführung eines letztlich demagogischen Zentralproblems.

Alkohol, Kaffee, Tee sowie auch Schokolade, Chips und die anderen alltäglichen Dickmacher ... die Zigarettenabhängigkeit nimmt unter all den ›kleinen Lastern‹ sicherlich eine prominente Stelle ein ... zumal ja in der Regel nicht die Extreme (also: der vier-Päckchen-pro-Tag-Qualmer) im Rampenlicht stehen, sondern der ganz normale Verbraucher, der seinem Laster in Maßen frönt. Niemand würde sich ernsthaft um den Kaffee/Tee am Morgen und am Nachmittag, ein Schnäpschen zur Verdauung und ein Bierchen im ›Biergarten‹ (warum sonst hieße er so?), eine kleine Packung Chips zur Sportübertragung und ein Täfelchen oder ein Schächtelchen Pralinen, ein kleines Stückchen Kuchen kümmern und sorgen ... kaum mehr um die ›Genuss-Zigarette‹ in der Mittagspause, zum Kaffee, zum Fernsehen oder auch mal eine zwischendurch ...
Wären da nicht die unangenehm auffälligen Massen an Kippen in den Rinnsteinen, seitlich der Wege in Parkanlagen, mitten im Wald, auf Berggipfeln oder sogar im feinen Sand am Urlaubsstrand gewesen, hätte man ›diese Süchtigen', wenn man schon selbst nicht zu ihnen gehörte, kaum wahrgenommen. Vielleicht gerade mal in Opernpausen oder im Gourmet-Restaurant ... wenn der beißende Qualm eines Unbekannten ans eigene Riechorgan gelangte ... aber sonst? Ach ja, da hat es Zeiten gegeben, da durfte in U-Bahn-Untergeschossen und auf Bahnhöfen geraucht werden ... die ganz Alten erzählen sogar davon, dass man in der Tram oder im Bus –im Zug sowieso– qualmen durfte ... und in ›Lichtspielhäusern‹ gar!

Vor gar nicht so langer Zeit, als der Videoclip nicht nur für die Pop-Songs der Chart-Hits, sondern auch für die Werbung im Vormarsch war und immer mehr hochtalentierte Künstler ihre Visionen in aufwändigen, gefilmten Short-Stories umzusetzen versuchten, gab es für den passionierten Raucher regelrechte Kurzkrimis, die ihm die bevorzugte Marke noch schmackhafter machen, die unbekannte näher ans Herz (bzw. die Lunge) legen sollten. Diese Art von Produktwerbung wurde aus (offenbar nur) Insidern bekannten Gründen schließlich eingestellt ... die Verführung zur SUCHT sollte wohl nicht auch noch über die öffentlichen Medien laufen. (... das Bierchen beim Spiel der Nationalmannschaft ... offenbar eine andere Baustelle!)
Dabei übersteigt die Werbung für Kredit- und Bankgeschäfte (seit 2008 mehr im Fokus denn je zuvor!), Autos (wann werden sie endlich den CO2-Ausstoß drastisch verringern und auf erneuerbare Energien umgestellt werden können?) oder auch Medikamente (wie viel ›Heilmittel‹ ist eigentlich gut für den ahnungslosen ›Patienten-Verbraucher‹?) bei Weitem das Maß einer sinnvollen Produktdarstellung. Hier geht es nicht mehr um das Anpreisen von Vorzügen ... hier werden Sehnsüchte geweckt (›Wir machen den Weg frei!‹), Süchte genährt (›Wir lieben Auto!‹) und nicht vorhandene Notwendigkeiten suggeriert (›Gute Besserung!‹).
Ein angenehmer Nebeneffekt des Rauchverbots in der sogenannten Öffentlichkeit wird jedem auffallen, der sich an frühere Zeiten erinnern kann. Gehwege, Rinnsteine, Parks, Spazierpfade und auch selbst die heute besonders gefährdeten Parkplätze ... die öffentlichen Abfälle –Kippen, Filtermundstücke, Zigarettenschachteln, Tabakverpackungen aller Art – die Verschmutzung ist nicht plötzlich verschwunden, aber es wird kontinuierlich weniger. In manchen gepflegten Wohngegenden fallen einzelne Zigarettenstummel im Rinnstein sogar auf ... weil ganze Straßenzüge mehr oder weniger ›frei‹ davon geworden sind.

LOGIK

Nicht nur Krankenkassen wissen um den finanziellen Mehraufwand bei notorischen Rauchern ... alleine die Renovierungsarbeiten in Großraumbüros, Lehrer-Raucherzimmern und heimischen Wohnzimmern früherer Jahre sprechen eine deutliche Sprache. Wer raucht, produziert Dreck, gefährdet seine Gesundheit und belästigt auch Unbeteiligte.
Fazit: Wir wollen keine Nikotingeschädigten mehr, die Suchtgefahr für Leichtgläubige abwenden und zudem wollen wir auch keine indirekte Gefährdung für Unbeteiligte! Kein Qualm mehr in Behörden, Büros, Wartehallen, Restaurants ... irgendwann vielleicht auch nicht mehr in öffentlichen Parkanlagen, an Badestränden und Wanderwegen oder in den Einkaufsstraßen und den Straßen-Cafés unserer Städte.
Doch was bedeutet das für eine jahrelang florierende, jetzt immer mehr gefährdete Industrie? Was passiert, wenn wir heute erklären, dass Tabakkonsum per Gesetz verboten sei ... bzw. ist das kurzfristig überhaupt vertretbar? Die Produzenten sind nur die eine Seite, die Verkäufer die andere ... und dahinter steht ein Tross von Zulieferern. Mit dem Wegfall einer einkommensstarken und arbeitsintensiven Komponente unseres Wirtschaftssystems geraten nicht nur die direkt Betroffenen in Schwierigkeiten. Von den Herstellern der Verpackungen bis hin zu den Einzelhändlern mit ihren unverzichtbaren Kiosk-Geschäften an den Haltestellen der öffentlichen Verkehrsmittel ganz allgemein käme eine Kettenreaktion in Gang, die zuletzt eine komplette Marktwirtschaft in Gefahr bringen könnte. Und dann ist ja die Tabakindustrie nur ein Zweig der mannigfaltigen Angebote, unserer Luxusgesellschaft, die reichliche Freizeit so angenehm wie möglich zu gestalten

SUCHTGEFAHR?

Wer ist eigentlich süchtig, wenn es um einen solchen Industriezweig wie den (in diesem Beitrag in den Vordergrund gestellten) Tabakkonsum geht? Der Raucher oder die tatsächlichen Nutznießer? Die Produzenten oder gar der Steuer-Staat? Wo bleiben Logik, Umweltbewusstsein und Gesundheit, wenn es um jene Wirtschaftszweige geht, die nicht nur Milliardengeschäfte (und -profite!) bedeuten, sondern auch noch Millionen Menschen einen Arbeitsplatz bieten? Wird da tatsächlich eine soziale wie ökologische Kosten–Nutzenrechnung aufgestellt? Bleiben Gesundheit und Umweltschutz dort auf der Strecke, wo im Großen die Finanzwirtschaft herrscht ... und ermöglicht dadurch auch im Kleinen die legale SUCHT auf Basis einer ausgehebelten Legislative?
Was soll das eigentlich mit der SUCHTGEFAHR?
Mein Auto fährt auch ohne Wald!
Meine Lunge schädigt sich auch ohne Tabak!
… und wenn gar nichts hilft: Die SPIELSUCHT wird uns alle vereinen – im nächsten Lotto-Jackpot … Europa- oder gar WELT-weit!

 

 

 

© a.zeram 2012

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016 - SUCHTGEFAHR II (FINANZKRISE GANZ PRIVAT)
(›
Money, money, money - must be funny in the rich man's world!‹)

Grafik zu Suchtgefahr II-mini

Dass ›Geld die Welt‹ regiert, ist allgemein bekannt. Und –wie die Gruppe ABBA 1976 in einem schmissigen Song postulierte–  ›Geld, Geld, Geld muss toll (lustig!) sein … in der Welt des reichen Mannes‹ sollte ebenfalls ein für alle Mittellosen nachvollziehbarer Gedanke sein. Die alternative Einsicht wird jedoch auf gänzlich anderer Basis hinterfragt: Muss man wirklich immer Geld besitzen, um es auszugeben?

Klar, der Gesamtheit der deutschen Bundesbürger ging es noch nie so gut wie jetzt. Trotz aller Finanzkrisen und den unvermeidlichen Schreckensvisionen aus allen Lagern rund um Umwelt, globaler Wirtschaft, Migrantenschicksalen und Eurogegnern haben Deutsche laut EZB, BZB und (nicht zuletzt) SPIEGEL ein Vermögen von knapp 5 Billionen Euro ein Plus von 4,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr auf der ›hohen Kante‹ gehortet … und das bei einer Staatsverschuldung von rund 2.3 Billionen Euro, mit einem umgerechneten Zuwachs von etwa 850 Euro PRO SEKUNDE!

Na, das sind ja nur Zahlen, die sich kaum richtig überprüfen lassen vage Fakten, die den einzelnen Bürger nicht wirklich kümmern müssen … und auch tatsächlich kaum beunruhigen – zumal das große Geld (jegliche Schwarz- und Grauzonen ausgeklammert!) bei nur etwa 0,3 % der Bevölkerung in Gewahrsam liegt, während sich der Rest mit einer rasanten Kurve nach irgendwohin mit insgesamt etwa 1,6 Billionen Euro Schulden zu beschäftigen hat … vorwiegend aus dem Bereich Finanzierungskredite und Konto-Überziehungen.

Und hier möchte ich ansetzen, denn weder kann man den Bestverdienenden vorwerfen, ihre Talente allzu stark einzusetzen (und Steuerschlupflöcher zu finden und zu nutzen), noch wird es kurzfristig möglich sein, jenen an der Armutsgrenze lebenden Bürgern durch plötzliche Wundergaben einen sorgenfreien Alltag zu bescheren. Der breite Mittelstand ist es, der schon seit Jahrzehnten die Wirtschaftskraft der Allgemeinheit ausmacht – als Käufer marktwirtschaftlich und werbestrategisch nicht nur während der Saisongeschäfte intensiv beachtet, als Produzenten und Dienstleister zum Leitbild für die ganze Welt hochstilisiert (›Made in Germany‹ war in Wirtschaftswunderzeiten tatsächlich ein unangezweifeltes Qualitätsmerkmal!), seit neuester Zeit durch ›Geiz ist geil‹ etwas abgeschwächt und fraglich geworden.

Ja, der Normalbürger hat auch seine Vorlieben und auch er jongliert gerne mit Zahlen, die seinen Vorvätern Angst und Schrecken eingebracht hätten. Dass ein Haus mit über 250.000 Euro innerhalb eines einzigen Erwerbstätigen-Lebens schön langsam abbezahlt werden soll, ist die Spitze des Eisberges. Der Mittelklassewagen –Neupreis um die 35.000– sollte dem einen oder anderen Hartz-IVler noch immer einen Schauder über den Rücken jagen … doch im zwei- oder dreistelligen Bereich kennt der notorische Plastic-Money-Nutzer kein Halten mehr. Die neue Heimkinoanlage ist da ebenso rasch gekauft wie ein Laptop oder eine mittelprächtige digitale Spiegelreflexkamera.

DU WILLST ES DU KRIEGST ES! 
Das ist die Maxime der Zeit.

SUCHTGEFAHR?

Die Zeiten der Bargeld-verheißenden Lohntüte sind längst vergessen für die aktuelle Generation App-versierter Smartphoner geradezu eine steinzeitliche Vorstellung. Man hat sein Bankkonto, auf dem (mehr oder weniger) regelmäßig eine gewisse Summe von irgendwoher (Arbeitgeber, Staat, Geldanlage, Eltern, Privatunternehmungen etc.) eingeht. Von der Bank oder einer entsprechenden Kreditgesellschaft hat man eine oder mehrere Karte/n, die den bargeldlosen Zahlungsverkehr ermöglichen – dazu gibt es einige Nummernlisten und Codes, die auch Online-Geschäfte, Internetbanking und Bezahlung über mobile Kommunikationsgeräte ermöglichen.

Nicht, dass jetzt der Kaufrausch schon vorprogrammiert wäre … es sind die Versprechungen entsprechender Branchen, die den Einsatz der Karten, Nummern und Codes alsmodernes Zahlungsmittel‹ bewerben und … ja … forcieren.

Hat man sich früher einmal (die Großelterngeneration wird sich daran erinnern) eine gewisse Summe für den Urlaub überlegt, kalkuliert und dann (bei der Hausbank in Fremdwährung umgetauscht) zurechtgelegt, dann achtet man heute nur noch darauf, dass die (hoffentlich gedeckte) Kreditkarte mit eingepackt wird … mit der man nicht nur Mietautos, Hotels, Restaurants und Einkäufe am Urlaubsort bezahlen kann (oft sogar: muss), nein, die einen auch dazu befähigt, an einem Geldautomaten ein paar zusätzliche Scheine zu ziehen … und damit das geplante Urlaubs-Budget endgültig zu sprengen. Gleichermaßen verhält es sich mit der Planung des Haushaltsbudgets, das im privaten Bereichanders als beim Staat, dem wir unterstellt sind– logischerweise nur Kleinbeträge verwaltet und nicht von Jahr zu Jahr aufgestockt werden kann.

Es ist ja letztlich nicht der große Luxus, der den Rahmen sprengt, sondern viel eher die Menge an nutzlosen Schnickschnack, der nur deshalb gekauft wird, weil Angebotsfülle, Präsentation im Alltag und (natürlich) die dazugehörige, massive Werbung in sämtlichen Medien Gelüste weckt und das Geldausgeben ohne das traditionelleIn-der-Hand-Halten-und-Weggeben‹ nicht wirklich sichtbar ist.

SUCHTGEFAHR?

Die Verführung des bargeldlosen Einkaufs ist immer dort besonders überwältigend, wo man ohne Ziel und Plan auftaucht: Im Urlaub beim Herumbummeln durch die Straßen einer fremden Stadt, beim Surfen im Internet (man möchte sich ja nur schnell die Ergebnisse des letzten Bundesliga-Spieltages auf den Bildschirm holen), beim Bummel im Shoppingcenter (wenn die notwendigen Tageseinkäufe längst getätigt sind!) …

Die Verführung ist immer und überall eben weil das Geld immer dabei ist. Wer seine Kreditkarte mitnimmt, hat schon verloren. Der Spaziergang ›ohne Geld‹ würde ja fast schon ›ohne Ausweispapiere, Auto- und Hausschlüssel‹ bedeuten. Ist ja immer alles in einer Brieftasche oder einem modischen Umhänge-Accessoire dabei!

BARGELDLOSE FREIHEIT

Die Problematik ist nicht die Möglichkeit des ungeplanten, kurzfristigen Einsatzes einer Zahlkarte oder entsprechender Code-Nummern es ist die aufgeweichte Kontrolle über die Ausgaben, die sich auf diese Weise ergeben. (Beispiel: ) Wer mit einem 100-Euro-Schein losmarschiert und über diesen Wert hinaus bar einkaufen möchte, hat entweder Pech gehabt oder er lässt sich in einem Geschäft einen Wunsch zurücklegen. Alleine schon die Möglichkeit, sich einen Kauf länger überlegen zu können, ins Geschäft zur Bezahlung/Abholung zurückkehren zu müssen, verhindert viele Spontankäufe … unabhängig davon, wie sinnvoll oder nützlich solche gewesen wären.

Die Tatsache, dass man einen Kauf tätigen KÖNNTE, sofort … jetzt gleich und auf der Stelle … macht moderne Zahlungsmittel zu einer Verlockung für all jene, die sich lieber erst einen Wunsch erfüllen und erst danach darüber nachdenken, ob und wie sie sich diesen auch leisten … könnten. Vernachlässigt werden in jedem Fall die kleinen Summen, die ja an und für sich keine Gefahr darstellen zumal oft unabwendbare Ausgaben darunter sind. Doch neben der Tankfüllung für 92,35 € (die merkt man sich) sammeln sich Kosten für Nebenausgaben, die man spätestens am Wochenende darauf schon nicht mehr erinnert. Der Schrecken des Kontoauszuges … jeder kennt ihn, der sich selbst einredet, seine Finanzen ›gut im Griff‹ zu haben. Nur … ›die Finanzen‹ und die ›Geld-/Kredit-/Bank-Karte‹ sind eben zweierlei! – Denn: Irgendwo dazwischen blockiert die ›Freiheit‹ des ungezwungenen Konsums jegliche Vernunft.

BARGELDLOSE FREIHEIT

Die andere Tatsache ist es, dass der Normalbürger jeden Tag zu jeder Zeit mit den aktuellen Nachrichten Zahlen an den Kopf geschmettert bekommt, die jedes subtile Gefühl für Wert und Größe einer Summe untergraben. Hier ein paar Milliarden für Zypern, dort ein paar für Spanien, eine ganze Menge für Griechenland … und dann hört man noch von einigen Hundert Millionen hier oder da, der Manager einer bekannten Firma verdient pro Monat mehr als der gebannt lauschende Arbeiter in seinem ganzen Leben, Transferkosten im Oberhaus der Fußball-Ligen werden mit Summen belegt, die sich vor fünfzig Jahren kein Lottogewinn-Träumer zum Jux auf dem Papier hätte notieren wollen …

Noch vor wenigen Jahren wurde der bundesdeutsche Haushalt mit viel Diskussion verabschiedet und da gab es (irgendwann mal hat es begonnen) eine Neuverschuldung … ein paar hundert Millionen, später dann mal eine Milliarde. Heute werden nur noch Prozentsätze genannt, denn die voll ausgeschriebene Summe würde jede Regierung augenblicklich stürzen. Misstrauensvotum!

KAUFSUCHT

Was macht vor dieser mächtigen Kulisse schon der eine oder andere kleine Einkauf bei amazon & Co? (Fünf neue BluRays für 30 Euro) Was zählt da der schnelle Klick auf den Flat-Tarif mit zusätzlichem Hightech-Gerät beim supergünstigen Mobilfunk-Anbieter? (Monatlich 19,90 … die ersten 6 Monate jedenfalls …)

Ich kenne Leute, die 15 Kilometer weit fahren, um für 5 ct günstiger zu tanken. An der Tankstellen-Kasse holen sie sich dann noch eine Packung Chips, dazu eine Flasche gekühlten Sekt aus dem Regal … und zahlen den (überhöhten) Preis relativ gedankenlos und ohne jedes schlechte Gewissen dem eigenen Arbeitsvolumen und –aufwand gegenüber … (natürlich) mit Karte.

SUCHT?

Sucht ist nicht immer nur das, was offensichtlich als Drogen und suchtfördernde Ingredienzien unseres alltäglichen Daseins ausgewiesen wird. Der Drang, dem nachzugeben, was ein Angebot hergibt, gehört mit Sicherheit ebenfalls dazu.

SUCHTGEFAHR

Die Suchtgefahr ist primär dort zu sehen, wo der (auf irgendeine Weise) angreifbare (nicht immer nur labile) Mensch den Verlockungen seiner Umwelt relativ schutzlos ausgeliefert ist.

Was zählt man schließlich heute, wenn nicht das neueste Smartphone zum Ordern der Konzertkarte locker in der Hand liegt und der Design-Schuh mit Luftfederpolsterkissen den Schritt beschwingt? Da schreit man doch lieber vor Glück … dass es so leicht ist, sich kleine Träume zu erfüllen.

Man ist, was man scheint, und die Bankkarte macht es möglich auch wenn irgendwann eine fatale Abrechnung kommt!
Süchtige denken nicht an morgen!

 

 

© a.zeram 2013

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017 - SUCHTGEFAHR III  (GRÖSSER- BESSER - MEHR ...!)
(
Das Beste heute kann schon morgen nur noch das Zweitbeste sein.)

Wir wollen noch mehr

Die längste Sinfonie, der schnellste 100-Meter-Lauf, der höchste Lottogewinn, der heißeste Tag seit Beginn der Wetteraufzeichnung, der älteste Mensch, die bevölkerungsreichste Stadt, die verlustreichste Schlacht, der Spieler mit den meisten Einsätzen in der Bundesliga, die erste Nobelpreisträgerin …

Sicherlich hat jeder für sich selbst seine privaten Hitlisten, eine Zusammenstellung der Lieblingsmusik oder auch der bedeutendsten Physiker des vergangenen Jahrtausends im Kopf und sicherlich gibt es dagegen nichts zu sagen. Haben wir nicht alle das Recht auf eine Wertung? – Der ›Italiener‹ am Bahnhof ist zwar sehr gut, aber das Ambiente etwas ungemütlich … bei ›Giuseppe‹ am Südpark hingegen ist alles ›perfetto‹! Logischerweise soll auch der favorisierte Fußball-Club möglichst viele Titel holen und die besten Spieler haben. 
Dennoch bleibt immer so ein bitterer Beigeschmack, wenn es schließlich daran geht, Zahlen –also offizielle Messwerte– zu vergleichen. Da hat einer mal Olympia mit 10,8 gewonnen? (Ja … tatsächlich: Charles Paddock, USA, 1920) – Der würde es heute kaum noch in einen Endlauf schaffen. 1 Million Singles in fünf Jahren verkauft? Na, heute gibtʼs locker 1 Million Downloads innerhalb von einem Monat! Der reichste Mann der Welt mit 100 Millionen Dollar? Darüber lachen ja heute schon die mittleren Handlanger der Russen-Mafia!

Die Sensationen müssen in unseren ›modern times‹ ebenso gigantisch sein wie die kleinen Extras. Das Prinzip GRÖSSER – BESSER – MEHR hat uns längst alle überzeugt … inklusive der alternativen Ziele von RUHIGER und GESÜNDER bis hin zu WENIGER. Denn manchmal ist eben WENIGER dann doch wieder MEHR!

Der Normalbürger lebt heute mit den Extremen, die er vielleicht nicht persönlich erfahren darf, über die er aber intermedial und jederzeit bestens informiert wird. Vom Laptop mit 10 Stunden Akkuleistung bei vollem HD-Film-Genuss bis hin zum 500-PS-Boliden, der die verstopften Autobahnen in 3,5 Sekunden von Null auf Hundert adelt … man muss solche technische Errungenschaften nicht selbst besitzen, um schließlich als fachlich versierter Liebhaber über die untere Mittelklasse entsprechender Neuproduktionsreihen nur noch milde zu schmunzeln!
Es geht um die Zahlen selbst, Messwerte unserer Geschichte – vom ganz normalen Alltag bis hin in die weiten Tiefen der Vergangenheit. Da macht sogar der ›Hundertjährige Krieg‹ (immerhin 100 Jahre … obwohl davon viele ›Pause‹ waren) was her … genauso wie die 45.000 Opfer in der Schlacht von Gettysburg (bei immerhin ›nur‹ knapp über 5000 Toten!). Doch da die Extreme der Vergangenheit meist auch von negativer Art sind, beschäftigen wir uns lieber mit den Möglichkeiten, Errungenschaften und Perspektiven der Gegenwart. Wer wollte auch schon 100 Jahre lang in Kriegsgefahr leben … wo wir doch gerade (zumindest für Westeuropa) mit derzeit 68 Jahren die längste dokumentierte Friedensperiode weiter ausbauen möchten … zu einem (hoffentlich) unübertreffbaren Rekord. Da liegt ein 55 Zoll-Flatscreen mit 3D, Full HD und THX-Raumklang ›wie im Kinosaal‹ dem friedlich gesinnten Allgemein-Interesse des Wohlstandsbürgers bedeutend näher, zumal die günstig erworbene Kompakt-Kamera die roten Augen der Freunde bei der Silvesterfeier inzwischen auch schon mit 16.1 Megapixel schafft und obendrein noch ›brillante Videos in HD-Qualität‹ aufnimmt.

Es muss immer etwas mehr sein … und besser … größer – ja, aber auch feiner, gefühlvoller, herzlicher!

Die Extremerwartungen machen vor tiefer Religiosität ebenso wenig Halt wie vor cinematografisch in Szene gesetzten Leiden. Die Papstwahl ist ein Spektakel – vergleichbar mit der großen Hochzeit in einem Königshaus. Die offenbar unheilbare Krankheit eines Künstlers begleiten die Medien ebenso alltäglich mit wie die persönlichen Katastrophen der diesjährigen Hochwasser-Geschädigten. Ja, mehr noch: Wenn die Hochwassermarken die Rekorde von 2002 übertreffen, kann sich der nachrichtengelehrte Bundesbürger erleichtert in seinen Fernsehsessel (mit Massagefunktion) zurücksinken lassen. ›Endlich sind die 10 Meter geknackt …!‹ – Ebenso befriedigt wird er konstatieren, dass ›sein‹ Held aus Film, DVD und TV den bösen Krebs jetzt doch besiegt habe … oder auch vielleicht von seiner fünften Ehefrau geschieden wurde.
Selbstverständlich erfreuen sich die Interessierten an den Erfolgen der aktuellen Superstars. Was vielleicht ein wenig bedenklich erscheint, ist nicht der öffentliche (logischerweise regional oder national bedingte) Wunsch nach Serienerfolg oder Überraschungssieg, sondern nach Rekord-Einstellung! Ob jetzt Vettel in dieser Saison der nächste Weltmeister in der Formel I wird, scheint weniger brisant als die Frage nach der Marke, die er bei seinem Karriereende erreicht haben wird: besser als Schumi? – Holt er 10 Titel?


Jaja … das alles muss ein wenig so klingen wie ›Meckern auf höchstem Niveau‹. Das gebe ich gerne zu. Aber als Mitmensch, als einer, der sich jeden Tag nicht nur gerne erfreuen, amüsieren oder auch ganz schlicht informieren lässt, als einer, der ebenso Erschrecken, Entsetzen und pures Grauen empfinden kann, wenn die wöchentliche Nachrichtenflut verarbeitet wird, halte ich es für bedenklich, wenn das Denken, Streben und Empfinden, Erwarten, Wollen und Erhoffen des normalen, des einfachen Menschen, immer mehr in Richtung GRÖSSER – BESSER – MEHR gelenkt wird.

Kein Sportler wird seine Leistung schmälern wollen, nur weil er als wahrer Crack zuletzt die Hoffnungen und Erwartungen nach Leistungen erfüllen müsste. Dafür ist er schließlich da. Vielleicht sollten die Ärzte nicht ganz so viel Einfluss auf die sportlichen Extremleistungen nehmen dürfen … aber das ist dann ein (weiteres) Unterkapitel zu diesen Überlegungen. Doch wäre es nicht irgendwie ein spannender Gedanke, bei rein sportlichen, dopefreien Wettkämpfen (sagen wir mal: wie Olympia!) jegliche Rekord-Messung auszuklammern? Wäre es nicht herrlich, könnte da mal einer den 100-Meter-Lauf gewinnen, OHNE permanent mit Owens-Johnson-Lewis-Bolt verglichen zu werden?
Und wäre es –andererseits– nicht vorbildlich, könnten die Autofirmen ein Superauto anbieten, das die Umwelt nicht nur gering, sondern GAR NICHT mehr belastet? – Wäre es nicht gigantisch, würde unsere Luxusgesellschaft nicht tagtäglich Millionen von Tonnen von vermeidbarem Abfall produzieren … und auf der anderen Seite ebensolche Millionen von wertvollen Ressourcen ungenutzt vernichten? Ohne die Rekorde von ›besonders umweltverträglichem‹ Verpackungsmaterial, ›recyclingfähigen‹ Rohstoffen und ›Fair Trade‹-Scheinheiligkeiten?

Die ›traurigen‹ Rekorde will niemand mehr wissen … die haben wir in die Geschichtsbücher verbannt. Doch die SUCHT nach immer MEHR, immer BESSER und GRÖSSER, aber auch nach WENIGER und KLEINER ist nicht weniger gefährlich als die Unbedachtheit längst begrabener Generationen. Der Preis MUSS möglichst klein sein, die Leistung dazu groß und das Werteverhältnis zum ausgegebenen Geld (natürlich) großartig! (Wir sind ja nicht blöd!) Der Kitzel des ›Schnäppchen-Jagens‹ hat nichts mehr mit dem historischen Erlebnis des ›Schlussverkaufs‹ zu tun. Wir setzen die Möglichkeit, unter Wert einkaufen zu können, inzwischen voraus. In solchen Fällen wird aus MEHR dann WENIGER, aus GRÖSSER KLEINER … unbemerkt davon, dass so manches Mal aus Qualität schließlich Schund geworden ist, weil gewisse HOHE Ansprüche eben nicht mit TIEFEN Wert-Entgelten zu kompensieren sind!
In diesem Strudel von immer intensiver gesteigerter Erwartungshaltung der einen wie anderen Extremrichtung kommt so mancher höchst positiver Entwicklung gar nicht mehr die gerechte Aufmerksamkeit zu: wenn etwa die Zahlen der Verkehrstoten auf ein Rekord-Tief gesunken sind. JEDES Opfer ist eines zu viel!

Auch die abgefahrenste Wette im Unterhaltungsfernsehen ("Schafft es der Kandidat, 200 Bierflaschen innerhalb von 60 Sekunden zu öffnen?") kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass uns die Zeit mit einer fatalen Erwartungshaltung nach aller Art von Rekorden fest im Griff hat. Da nutzt auch der Spendenaufruf nichts, wenn er abschließend mit dem ›größten Volumen an Spendenbereitschaft‹ und der Veröffentlichung von Listen früherer Spenden in die falsche Richtung ge/ent-wertet wird.
Solange die ›älteste Erstgebärende mit 75‹ eine Notiz in den Nachrichten wert ist, haben wir nichts dazugelernt. Die Sucht nach Sensationen und Rekorden hat uns die Werteskala dorthin verschoben, wo es um das schnelle ›AHA‹ geht. Das intensive, tiefere Verständnis für den Gehalt, ja selbst für den bleibenden Wert einer (sogar herausragenden) Leistung ist uns dadurch erschwert worden.

Erinnert sich die news-geile Allgemeinheit daran, wer bei der Präsidentschaftswahl Wulff als Gegenkandidat aufgestellt worden war (immerhin mit heftigen Nachwirkungen) … oder wer in der Saison 2009/10 Dritter in der Fußball-Bundesliga geworden ist? (Immerhin der Deutschen Lieblingssport) – Wie lange halten sich spezifische Erinnerungen an die Oscar-Nominierung(en) eines Films, der zuletzt aber eben keine Auszeichnung(en) gewann? – Und … zählt denn der WM-Vierte im Riesenslalom im Folgejahr überhaupt noch etwas? (Der Sieger war immerhin 22 Hundertstel schneller!)
Wer ist heute schon noch zufrieden mit einem Kleinwagen, der nur 35 KW unter der ›Haube‹ hat und gerade mal 110 Km/h schafft? – Oder mit einem alten 60 cm Röhrenfernseher ohne Kabeltuner?

NEUER … auch das ist ein Zeitfehler, dem wir erlegen sind. Technische Geräte werden nicht nur produziert, um möglichst bald ersetzt zu werden – der moderne Käufer heißt nicht ohne Grund VERBRAUCHER. So werden Kunst, Kultur, Technik und Geisteswissenschaften ebenso bedenkenlos ›verbraucht‹, ja verschlissen … wie das eigene SELBST. Und das, obwohl wir immer LÄNGER leben und immer ÄLTER werden …

Diskussionen werden nicht mehr um Erkenntnisse geführt, sondern um tagesaktuelle Extreme …
… die man meist getrost und schnell wieder vergessen kann!

 

 

© a.zeram 2013

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