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THEMEN:

005
Fantastik oder Realismus

006
Hintergrundmusik als Lebensrhythmus

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ESSAYS und ÜBERLEGUNGEN:  »... meine unbescheidene Meinung«

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005 - FANTASTIK oder REALISMUS
(Was ist schwieriger? Vorgaben einhalten müssen oder frei erfinden dürfen?)

Fantastik und Realismus

Obwohl literarischer Wert und Ernsthaftigkeit eines (selbstverständlich: hervorragend geschriebenen und konzipierten) Fantasy-Romans in der Regel heutzutage nicht mehr angezweifelt werden, stellt sich gerade für interessierte Leser mit Forschungsdrang die grundlegende Frage hinter dem Genre immer wieder neu:
Ist es einfacher, einen Roman zu schreiben, der auf historische Fakten und tatsächliche Ereignisse zurückgreift - oder einen, der völlig neue Welten, Errungenschaften und Gestalten zum Thema hat? Kann ein Autor seine Leser eher mit den realen Gegebenheiten beschäftigen und überzeugen oder ist es einfacher, die Grundvoraussetzungen einer Geschichte in allen Details der äußeren Wahrnehmung völlig neu zu erschaffen?
Kann die Frage überhaupt beantwortet werden, die in so vielen Literatur-Foren heftig diskutiert wird?
Zumeist sind es semiprofessionelle Autoren und Laien-Rezensenten, die dieses Thema in allen erdenklichen Facetten zu durchleuchten versuchen. Die wenigsten renommierten Schriftsteller äußern sich dazu ernsthaft - vielleicht auch bestimmt durch die Tatsache, dass sich die Lager der Fantasy-Autoren und der Realisten relativ gut voneinander unterscheiden und daher problemlos beurteilen lassen. Literatur als Studienfach stellt verschiedene Genres lieber in einen gemeinsamen Bezug, als jede Art gesondert zu betrachten und dann Gemeinsamkeiten zu suchen, die zuletzt Unterschiedlichkeiten beweisen sollten.

Genaugenommen geht es ja um nichts anderes als literarische Ausdrucksmittel. Ob ein Tolstoj für die Napoleonischen Kriege Material sammelt und schließlich detailliert in einen breit-angelegten, historischen Roman verwebt, ist in der Essenz ebenso aufwändig wie die Neukonzeption einer völlig fiktiven Welt, wie sie ein Tolkien vermitteln wollte. Die Stimmigkeit beider Konzepte hängt an einer Fülle von Kleinigkeiten, die -je nach Vorbildung und Aufmerksamkeit des jeweiligen Lesers- über Gedeih und Verderb der erzählten Geschichte entscheiden und die entsprechenden Personagen eines Plots glaubwürdig erstehen lassen … oder eben auch nicht.
Im Überblick bleibt es völlig ohne Relevanz, ob jemand sich im historisch belegten Umfeld für sattelfest oder weniger bewandert hält - denn auch der Boden des fantastischen Spektakels erfordert ein gewisses Memorieren und Erkennen der -hier jedoch völlig fiktiv- vorgegebenen Fakten-Fülle. Da sich Fantasy zumeist ohnehin an realen Vorbildern orientiert, wird hier ein Hineinleben des Lesers erwartet und über die zu erzählende Geschichte bewirkt. Der historisch bewusste Leser kann im Beispiel von “Krieg und Frieden” seine Begeisterung für das Sujet bereits lange vor der Lektüre erkannt haben - der Fantasy-Leser muss in die beschriebenen Ereignisse und deren Grundvoraussetzungen erst von ganz weit außen hineingezogen werden.
Ob es dann schwieriger ist, die verschiedenen 'Welten' eines Plots -für Autoren- zu beschreiben und -für Leser- zu begreifen und zu akzeptieren, hängt in beiden Fällen nicht an den Details selbst, sondern an der erzählten Geschichte. In dem Augenblick, da ein Leser eines historischen Romans stutzig geworden wäre, weil ihm ein durch Fakten belegbarer Zusammenhang als fehlerhaft erschienen ist, steht er mit dem Fantasy-Adepten, der auf eine Unstimmigkeit in der geschilderten 'erfundenen' Historie gestoßen ist, auf derselben Stufe. Beide fühlen sich in der Lektüre durch Unstimmigkeiten gestört.

Und genau hier kann die Überlegung ansetzen, ob es denn wirklich schwieriger oder auch einfacher ist, eine (vom Grundthema her völlig identische) "Sinn-Handlung" einmal vor real-historischem und einmal vor rein fiktionalem Hintergrund zu erzählen.
Muss ein Autor nicht in beiden Fällen zuerst einmal eine gewaltige Arbeitsleistung bewältigen, um die entsprechenden Fakten zusammenzutragen, die für den reibungslosen Ablauf seiner Geschichte Voraussetzung ist? Und bleibt es nicht völlig gleichgültig, ob diese Fakten in all ihren Details auf tatsächliche Ereignisse zurückzuführen oder rein der Fantasie des Schöpfers einer Geschichte entsprungen sind?
Ein Tolstoj im “Krieg und Frieden” hat aus heutiger Sicht natürlich einen -sich modernen Fantasy-Werken annähernden- Vorteil auf seiner Seite: Wir Nachgeborenen kennen die Zeit des beginnenden neunzehnten Jahrhunderts einzig aus Geschichtsbüchern und sind dieser realen Welt dadurch fast ebenso fern wie den allegorischen Bildern Mittelerdes in Tolkiens “Herr der Ring”. Wer nicht von vorneherein über ein profundes Maß an historischer Bildung verfügt, wird kaum mehr Gedankenarbeit bei dem einen wie dem anderen Werk leisten müssen … mit dem wohl kapitalen Unterschied auf der Autorenseite, dass sich der eine Meister tatsächlich auf Gegebenheiten konzentrieren konnte, die eventuell über viele Jahre schon memoriert und im Unterbewussten fixiert worden sind, und die nur richtig präsentiert werden mussten - während der andere sich sogar um die Erfindung von Namen und Sprache einer erst zu erschaffenden Welt und deren Bewohner zu bemühen hatte.
Das zieht sicherlich kein Qualitätsurteil nach sich, aber hier scheint es doch so, als müsste der ambitionierte Fantasy-Autor eine um gewisse Extras erschwerte Arbeit leisten. Denn … und das ist vielleicht die Krux bei der ganzen Problematik zwischen Abwägung und Gegeneinander-Stellen … selbst der abgefahrenste Fantasy-Plot basiert in seiner Essenz auf realen Vorgaben. Da können Elfen, Gnome, Trolle, Zauberer, Drachen und besondere Fähigkeiten der Protagonisten alle Normalzustände, wie wir sie vom Alltag her gewöhnt sind, über den Haufen werfen … die Muster, nach denen Machtgier, Neid, Liebe, Freude, Glück, Furcht und Leid, Aufregung, Abgeklärtheit, Seligkeit oder was auch immer in solchen Geschichten ablaufen, gründen auf den uns bekannten Real-Vorgaben. Anders wären sie vielleicht auch nicht akzeptabel … oder doch zumindest zu fremd, um in einer Erzählung den stimmigen Hintergrund abzugeben.

Während es der Leser als möglicherweise gleichermaßen schwierig empfindet, sich in die Detailfülle großer, ausladender Handlungen einzuleben, die einerseits historisierend, andererseits komplett erfunden sein mögen … die Autoren werden sicherlich eher dazu neigen, Vorhandenes zu erarbeiten, für die eigenen Zwecke zu formen und -wenn denn möglich (und sinnvoll)- die fiktionalen Elemente vorsichtig und in wohldurchdachter Dosis einzufügen. Das völlige und von Grund auf bestimmte Neuschaffen einer ganz und gar fiktionalen Ebene sollte über den benötigten Arbeitsaufwand und geforderten Prozess des Darüber-Nachdenkens erst einmal zum vorsichtigen Abwägen führen.
Kaum ein Autor wird sich blindlings in ein Abenteuer stürzen, das ihn in völlig Unbekanntes hineinwirft. Die Beweise für minutiöses und gar akribisches Vorantasten an den jeweiligen Stoff sind auf beiden Seiten Legion. Es gibt genügend Tagebücher und vielfältige weitere Arbeitsunterlagen, die den Werdegang literarischer Projekte beleuchten und belegen. Auch wenn heute niemand mehr die Entstehung der großen Epen eines Homer nachvollziehen kann … die Fülle an Fakten wird auch hier augenscheinlich und sollte entsprechend mit einem hohen Arbeitsaufwand verbunden bleiben.

Um die offensichtliche Brücke zwischen den Genres zu schlagen, lässt sich ohne Weiteres ein literarisch nicht ganz unumstrittener Autor zitieren: Der Jubilar Carl Friedrich May (1842-1912) hat aus seiner Sicht ein 'Traumland' beschrieben, sich wohl auf gewisse Fakten stützen können, doch grundsätzlich seine Geschichten in einer typisch der Fantasy-Literatur verhafteten Weise erzählt. Hier wird Erfundenes auf Reales gestülpt und -geneigte Leser vorausgesetzt- auch recht akzeptabel durchgehalten. Weder historisch-wissenschaftlich durchwegs haltbar noch durch überlieferte, soziologische und sozialpolitische Fakten gestützt, reiten Winnetou und Old Shatterhand ebenso durch die Bücherwelt wie Kara Ben Nemsi und andere May'sche Helden … in Bad Segeberg dann leibhaftig und theatergerecht zu bestaunen: die Umsetzung eines fantastischen Traums eines fantasievollen Autors.

Fantasy hat die Literaturfreunde immer begeistert … eben, weil hier nicht die Realität abgebildet, sondern diese überbrückt dargestellt wird … allegorisch, metaphorisch, verzerrt, überspitzt, übersteigert, abenteuergeladen … fantastisch! Da ist keine Anleihe mehr am Alltagstrott von vorneherein fühlbar und sichtbar, auch wenn die Protagonisten auch dann nach den uns vertrauten Schemata funktionieren und reagieren, wenn sie in Form und Gestalt, Wesen und Ausdruck völlig frei erfunden scheinen mögen. Auch die beginnende 'Moderne', die über E.A. Poe, E. T. A. Hoffmann oder einen Jules Verne zu H. G. Wells oder J.R.R. Tolkien und weiter bis zu St. King und den aktuellen Autoren der Szene führte … die Traditionen beginnen in der literarischen Urzeit.
Das, was uns seit dem Gilgamesch Epos, den zahllosen Bibeltexten, den griechischen wie römischen Versepen und Heldensagen oder auch den mittelalterlichen Drachengeschichten bekannt ist - das, was wir heute zwischen Film, Video, TV und Spielekonsole erleben … es ist die Feinarbeit an einem möglicherweise uralten Disput zwischen den Musen:

Erfinde ich oder schreibe ich auf, was ich schon weiß?

Lasse ich mich hinwegtragen und erschaffe ich völlig Neues - oder hauche ich Bestehendem ein wenig frische Luft ein?

Der Leser wird immer das letzte Wort haben, da die Autoren so viel schreiben können, wie sie wollen: Was nicht gelesen wird, geht unter!
Fantasy oder Realismus, das ist nur eine Frage für jene, die ein Werk einer Kategorie zuordnen müssen.

 

© a.zeram 2012

 

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Strich für Absätze

006 - HINTERGRUNDMUSIK ALS LEBENSRHYTHMUS 
(Oder: Ohne Gebrauchsmusik geht gar nichts!)

Musik-Cds

Als seinerzeit bei Feuersteins und Geröllheimers Geburtstag gefeiert wurde, gab es eine –nicht nur durch den Comic parodierte, sondern tatsächlich überlieferte– Ausrichtung der Beteiligten auf Musik, Tanz und Spaß. Logischerweise zählte damals die Fähigkeit, einem abgesägten Knochen oder einer mit Fell bespannten halben Kokosnuss Töne zu entlocken, zu den eher spirituellen Handlungen einiger weniger Auserwählter. Festliche Riten für die angebeteten, meist gefürchtete(n) Gottheit(en) oder auch unbestimmbare Mächte, die durch Opfergaben mannigfaltigster Art besänftigt werden wollten, beinhalteten auch die Bereitschaft zur spirituellen Unterwerfung … mit dem Effekt, dass auch künstlerische Leistung geopfert werden durfte … musste.

Irgendwie hat sich dieses Bedürfnis unserer Spezies, besondere Ereignisse mit mehr oder weniger lautem, unkontrolliertem Radau zu begleiten, über die Jahrtausende recht gut gehalten. Die Feinarbeit in den –historisch gesehen erst kürzlich– vergangenen Jahren, also in tontechnisch konservierbarer Zeit, sollten niemanden darüber hinwegtäuschen, dass es hier eine Evolutions-Sparte zu untersuchen gilt, die vielleicht mehr über Sitten und Gewohnheiten unserer Vorväter offenbaren kann, als die von der einschlägigen Wissenschaft gerne zitierten Geheimnisse verschiedener Gesetzes-, Sold- oder Wirtschaftsbücher aus vergangenen Tagen.

Mit ein wenig Fingerspitzengefühl für die Materie erschließt sich auch dem Laien recht schnell und profund der evolutionäre Rhythmus der Angelegenheit selbst. Denn der Weg von der –musikalisch noch sehr rudimentär untermalten– Dankzeremonie nach erfolgreicher Jagd bis hin zum pompös zelebrierten Gottesdienst mit großer Messe, bedarf keiner ausladenden Vorstellungsgabe. Was 10.000 Jahre vor unserer Zeitrechnung ›Unterhaltungsmusik‹ gewesen sein könnte, kann von Musikologen längst in den Kontext einer kontinuierlichen Entwicklung musikhistorischer Abläufe gestellt werden. Gerade im religiösen wie auch im militärischen Bereich sind die Erkenntnisse mannigfaltig. Das eine Schlacht begleitende Fanfarengedröhn wurzelt unschwer relativierbar in den Hornsalven der Urvölker. Die Behauptung, Musik habe sich erst entwickeln können, seit sich die Spezies ›Mensch‹ bekriegt und sie sich erst bekriege, seit es Religionsvorschriften, Glaubensunterschiede und daher auch unterschiedliche Götter und Götzen gibt (inkl. Geld und Besitz!) … wirkt im Nachhinein gar nicht mehr so abwegig.

Dabei schien alles ganz harmlos begonnen und ganz vorsichtig, ja schleichend weiterentwickelt zu haben.

Ein festliches Gelage bei Olaf dem Unbarmherzigen mag da dem hochzeitlichen Mahl bei Quixocatapultl recht vergleichbar gewesen sein, denn die Grundstruktur sollte die geladenen Gäste nicht mehr als: ›divertieren‹. Dass sich später dann (nicht nur europäische) Fürsten ganze Orchester leisteten, um ihre Haus- und Hofkomponisten Divertimenti und Serenaden komponieren und aufführen zu lassen, während die Gäste im Schlosspark lustwandelten, sich (wie auch immer) unterhielten oder an reich gedeckter Tafel der kulinarischen Wollust frönten, verwundert kaum jemanden. Beim einfachen, meist bettelarmen Volk war es nicht anders … nur weniger subtil ausgeprägt und selbstverständlich einfacher gestrickt – insgesamt auch schlechter dokumentiert überliefert. Der fahrende Sänger übernahm zugleich die Funktion einer Nachrichtenquelle und einer Jukebox in Personalunion.

MUSIK … irgendwann haben diejenigen, die es sich leisten konnten, entdeckt, mit welcher Gewalt die entsprechend eingesetzten Töne dem Gast den Sinn benebeln. Politische Intrigen sind sicherlich ebenso melodiös zu inszenieren gewesen wie ein schlichtes Tête-à-Tête oder eine prunkvolle Feier.

Das, was die ersten Windspielröhren vorgeben und erst viel später in mechanischen Spieldosen fortgeführt wird, findet in rasanter technischer Entwicklung einen Weg zu Pianolas, automatischen Orchesterorgeln, Grammophonen und Tonbändern, bis hin zu den aktuellen digitalen Möglichkeiten, die vorläufig einen Schlusspunkt für die Verwertbarkeit setzen … ohne die technischen Möglichkeiten deshalb im qualitativen Bereich gänzlich auszuschöpfen.

Dabei ist Musik nie einfach nur Musik … und Hintergrundmusik schon gar nicht!

Von vorneherein haben findige Köpfe hier das spezifische Potenzial beeinflussbarer Auswirkungen erkannt, das sich –richtig eingesetzt– über Beklemmung oder Glücksgefühl bis hin zur Steigerung des Arbeitswillens oder einer steuerbaren Kaufbereitschaft einsetzen lässt. Der pompöse Marsch glorifiziert die Leistung einer Armee und versetzt die Zuhörer in Euphorie … angestachelt durch entsprechend komponierte Schlachtenmusiken stürmten nicht nur antike Armeen zu Posaunenfanfaren los. Über die Einwirkung auf die Gefühlswelt des Zuhörers (in jüngerer Vergangenheit: am ›Volksempfänger‹ im verkürzten Tausendjährigen Reich) durch aufpeitschende, heroische Klänge reicht das Spektrum bis hin zu den psychologischen Überlegungen der modernen Werbestrategen, die zu jedem neuen Modell eines ganz normalen, fahrbaren Untersatzes ein Gefühl von Freiheit, Unbeschwertheit, Losgelöstheit und natürlich auch –und nicht zuletzt– Sicherheit über wohlbedachte optische Eindrücke und … ebenso genauestens kalkulierte Musik verkaufen.

Auch wenn die historischen Belege ganze Bibliotheken (bzw. einige wenige TB-großen Speichermedien) füllen … HEUTE spielt die Musik … überall und zu jedem Zeitpunkt unseres Daseins. Was im vergangenen Jahrhundert mit der melodischen Spieluhr zur Beruhigung eines Säuglings oder dem automatisierten Abspielen einer besonderen Melodie beim Abreißen einer Papierrolle auf dem (sonst doch eher) stillen Örtchen begonnen hat, vermittelt uns inzwischen eine mächtige Industrie von virtuosen Klang-Arrangeuren und Medienphilosophen, die zu jeder Gelegenheit und für jeden Zweck eine genau definierte Art von (nicht nur) musikalischer Untermalung parat haben.

Sollte es tatsächlich noch ein Einkaufszentrum oder eine Kaufhaustoilette, ein Parkhaus oder einen Supermarkt ohne die entsprechende Beschallung geben, dann ist das nicht mehr und nicht weniger als der peinliche Beweis für unverzeihbare Rückständigkeit. Heutzutage hat jede Boutique, jede Einkaufszeile, jeder Bahnhof und jeder Flughafen eine das Publikum und die potenzielle Kaufkundschaft anregende, musikalische, am point-of-sale orientierte und entsprechend ziselierte Verkaufsstrategie vorzuweisen.

Mag es tatsächlich noch Apotheken, Metzgereien oder auch Arztpraxen und Krankenhäuser geben, sperrt sich das mobile Samaritertum in den Dienstwagen noch gegen die dem Unfallopfer zuträglichen Klänge … es wird nicht mehr lange dauern können, dann haben wir auch im kleinsten Bestattungsinstitut und im windigsten Postamt die allheilmittelartige Beschallung der unverzichtbaren HINTERGRUNDMUSIK … eingebettet in einen  Kontext von Vorgabe, Erwartungshaltung und Wirkungs-Strategie … als GEBRAUCHSMUSIK!

Jeder Nutzer eines –wie auch immer gearteten– Mobiltelefons sucht sich bereits die genau zuzuweisende Erkennungsmelodie für den Partner, die Eltern, die Freunde oder auch Berufskollegen aus, programmiert die Klingeltöne nach eigener Wertschätzung der Melodie und spezifiziert dabei genau nach den Regeln, die von professionellen Kaufhausbeschallern entwickelt wurden, um die mannigfaltige Kundschaft ganz nach Tageszeit und Angebot, Stimmungslage und Zeitverfügbarkeit unmerklich und doch sehr direkt zu beeinflussen. Nur, während die Industrie darauf setzt, musikalische Verkaufsförderung von Soundspezialisten bis ins kleinste Detail zu konzipieren, darf ein privater Nutzer jegliche Fehlerquote missachten und selbst fürs Autoradio eine sträflich vom Verkehr ablenkende Musik mit 500 Watt Nennwert-Leistung wählen … irgendjemandem nutzt auch dieser Fehlgriff!

Können wir überhaupt noch ohne Musik im Hintergrund?

Können wir noch ohne irgendeine Art ›Klangteppich‹, den wir nur dann zu bestimmen fähig sind, wenn er … ja … wenn er fehlt!

Würde es gelingen, sich in die Situation hineinzuleben, wie ein Einkaufszentrum ohne ›Easy-Listening‹ im Hintergrund auf uns wirken könnte, müssten wohl viele zugeben, dass da etwas nicht ›stimmig‹ sei. Ein Rummelplatz ohne Krachmusik – von jedem Stand eine andere, langsam und kontinuierlich überlappend: undenkbar! Aber ein Kaufhaus? Eine Einkaufszone in Vorderhirschdorf oder Hintereichenbad … ohne ein wenig anheimelnde Klänge aus dezent verteilten Lautsprechern unter den Laternen?

Undenkbar?

Als Paradebeispiel für die in der vergangenen Moderne (früherer Zeiten) auffällige Abstinenz einer gewissen, zur Gewohnheit gewordenen ›Kleinigkeit‹ könnte auch das Phänomen ›Filmmusik‹ herbeigezogen werden. Wo in den holperigen Anfangszeiten der Filmindustrie noch mit einem einzelnen Pianisten, einer kleinen Combo und später auch mit einem ganzen Orchester gearbeitet wurde, und schließlich mit –dem visuellen Material verknüpften– Tonspuren, die sich zu Stereophonie, Dolby, Surround, THX und was immer weiterentwickelten, können wir die eigenen Gewohnheiten im Schnelldurchlauf überprüfen … da es heute ja konserviertes Material in Hülle und Fülle gibt. Dabei ist ein Film aus den Vorkriegsjahren (2. WK) nicht nur deshalb interessantes Untersuchungsobjekt, weil hier zumeist noch die Farbe fehlt, sondern –für dieses Thema relevanter– viele Szenen völlig ohne Hintergrundmusik auskommen. Selbst die Größen der Soundtrack-Industrie haben nicht jeder Szene des ›vertonten‹ cinematografischen Werkes einen Klang zugeordnet. Die Partitur war wohl für einen Komponisten der damaligen Zeit immer ein die Szenen des Films untermalendes, untermauerndes … und schließlich emphatisch unterstreichendes und bezeichnendes Werk – mit den entsprechenden ›Pausen‹, die dann Gespräche, Monologe oder auch nur Kamerafahrten zu ›füllen‹ hatten. (Aus der Sicht des Komponisten) – Puristen der visuellen Kunst werden sicherlich ihre eigene Meinung zum Thema haben … zumal Klang nicht immer wirklich eine hilfreiche Funktion bei der Betrachtung eines (auch bewegten) ›Bildes‹ zu erfüllen vermag.

Heutige Filmwerke leben im Vergleich fast schon rücksichtlos von einem durchgehenden ›Soundtrack‹ – inklusive aller nur vorstellbaren Anleihen an klassischen Kompositionen, Chart-Hits und dem gesamten Spektrum an aufgezeichnetem Tonmaterial. Ohne Pause!

… aber bitte natürlich: Ausnahmen bestätigen auch hier löblich alle Regeln.

Können wir noch ohne Musik im Hintergrund?

Schaffen wir es, nach hartem Arbeitstag den Fernseher nicht als ›Geräuschquelle‹ zu missbrauchen, irgendeine CD mit ›repeat-modus‹ einzuschalten und –selbst während die Waschmaschine rattert– noch irgendeinen Radiosender dudeln zu lassen?

Haben wir verlernt, auch einmal die völlige Abgeschiedenheit zu suchen, die Ruhe zu genießen und die Einkehr zum eigenen Ich zuzulassen … ohne den ayurvedischen Soundteppich, der noch schneller und direkter zum Ursprung unserer Gefühle führen soll?

Wer wartet da nicht auf die längst überfällige, mediengerechte und daher musikalische aufbereitete Aufwertung der TV-übertragenen Bundestagsdebatten … vielleicht mit eher hintersinnigen als hintergrundartigen Klängen – z. B. denen einer weltberühmten, Mauer-erprobten Band, die –zumindest für so manche Parteigenossen der aktuellen Szene– eine eindeutig politisch-relevante Frage stellen:

»Is there anybody out there?«

 

 

© a.zeram 2012

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