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THEMEN:

001
Schreiben, weil
es sein muss

002
Von Königen
und Präsidenten

003
Der Gläserne
Bürger I

004
Der Gläserne
Bürger II

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ESSAYS und ÜBERLEGUNGEN:  »... meine unbescheidene Meinung«

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001)  SCHREIBEN, WEIL ES SEIN MUSS
            (»Wenn ich all das aufschreiben würde, was ich schon erlebt habe …!«)

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Auf der einen Seite wird sehr oft gefragt, wie denn so einem Autor die ganzen Geschichten und die vielen Personen einfallen, über die man als Leser nachdenkt – und auf der anderen kennt sicherlich jeder irgendeinen Menschen, aus dessen Erlebnissen sich mehr als nur ein einzelner Roman schreiben ließe.
Die zentrale Frage bleibt hier wie dort: WA
RUM schreibt jemand einfach so einen mehr oder weniger umfangreichen Text … einen Roman, eine Kurzgeschichte, ein Gedicht? Aus beruflichen Gründen kann man die Motivation auf finanzielle Anreize und die Anforderung des Jobs an sich zurückverfolgen. Im Hobbybereich wird es da schon schwieriger.

Ein Gedicht ist schnell erstellt … auch wenn die Feinarbeit noch so viel Mühe kosten mag. Drei Vierzeiler und ... die Arbeit ist erledigt. Ein Qualitätsurteil bleibt außen vor. – Selbst eine Kurzgeschichte (so, wie sie oft in Schreibwettbewerben gefordert wird – mit maximal 10 bis 15.000 Zeichen – also acht bis zwölf Norm-Seiten) kann innerhalb einer überblickbaren Zeit geschrieben werden. Romane erfordern –bedingt durch Umfang, Handlung und Personenvielfalt– mehr Konzeptarbeit und daher auch mehr Zeit.
Vielleicht ist diese Frage einfacher zu beantworten, wenn man sie von einer vollkommen gegensätzlichen Perspektive aus betrachtet und zu durchleuchten versucht: Beiträge in Foren, Leserbriefe, Geschäftsbriefe, Mitteilungen, Vereinsankündigungen …

Ja! - Gedichte, Erzählungen, Romane … das kommt in Richtung Literatur, in Richtung Kunst! Niemand würde ernsthaft behaupten, mit einem Leserbrief zu einem Artikel im SPIEGEL oder einem Kommentar in der Schülerzeitung einen Beitrag zur Literatur geleistet zu haben. Ebenso verhält es sich im Bereich Forumsbeitrag … der sich natürlich auf jedes erdenkliche Thema erstrecken kann. Es gibt Foren für jedes Hobby und jeden Erwerbszweig, jeden Interessenbereich und jedes wissenschaftliche Spezialgebiet.

Ein Leserbrief / ein Beitrag für eine Illustrierte, ein Forum oder die Vereinszeitung etc. wird jedoch nicht primär über die Sprache definiert, derer sich der Text bedient, sondern über das Thema, das dieser behandelt. So kann auch die Festschrift zum Gründungsjubiläum einer schulischen Einrichtung sehr einfach und literarisch wertlos abgehalten sein und seinen Sinn und Zweck dennoch  völlig erfüllen.

Der initiale Grund ist im Unterschied der Motivation zu suchen: Die freie Interpretation einer Inspiration hat nichts mit der strengen Erfüllung einer Aufgabe zu schaffen, die sozusagen einen Datenbestand aufarbeiten und darstellen soll und ebenfalls nicht mit dem spontanen Einfall, zu einem aktuellen Thema ein paar Gedanken loszuwerden.
Warum schreiben?

Diese Frage beschäftigt nur jene, die tatsächlich schon einmal geschrieben haben, die einen Text in Datei, getippter oder gedruckter Form vor sich liegen haben und sich dann auch die Frage selbst stellen oder von anderen stellen lassen können. Warum habe ich das geschrieben? Werde ich noch einmal etwas schreiben? Warum?
Und dann gibt es auch jene, die kurz davor stehen, sich an einen Text zu wagen, die mit sich hadern und zaudern, ob sie es denn wirklich wagen sollten? Das reicht vom ers
ten Gedichtlein in der Schule –für die heimlich Verehrte– bis hin zur kleinen Kurzgeschichte zur Geburt des ersten Kindes … als Dank an den Partner.

Wer nie den Drang in sich gefühlt hat, zu einem Themaseinen Senf‹ dazuzugeben, der wird diese Frage für überflüssig und uninteressant abtun. Auch wenn es eine Meinung dazu geben sollte, die aber im Zusammenhang nicht ersichtlich wird und auch nicht relevant oder gar wichtig scheint.
Ein Bäcker backt Brot, damit es Brot gibt. Ein Kfz-Mechaniker repariert Autos, damit man damit wieder fahren kann. Ein Schreiber schreibt, damit man was lesen kann!
Was für eine blöde Frage!

Blöde Frage?

Schreibt man als Schreiberling irgendetwas hin, weil man eben mit Texten, die ein Arbeitgeber verlangt, sein Geld verdient? So wie ein Bäcker, der sein Auskommen eventuell mit dem Aufbacken von vorgefertigten Teiglingen erwirtschaften muss, weil handgefertigte Brötchen trotz Bio-Boom und NaturkommzurückindieStadt keiner bezahlen kann?
Na, das war doch nicht die Frage, oder?

WARUM schreibt man was auf? Warum schreibt Frau ABC einen Leserbrief zu den wundervollen Fotos der OSCAR-Gala-Night an die BUNTE WOCHE? Warum schreibt Dr. Prof. HIJ einen dreiseitigen Kommentar zum Artikel über die Schlacht von Tannenberg an GESCHICHTE VORGESTERN? Und warum schreibt AZ einen Blog-Text mit der Überschrift ›Schreiben, weil es sein muss‹ auf seiner Homepage?
Weil es
eben sein muss!

Professionelle Schreiber haben das klare Ziel vor Augen - immer mit dem Endeffekt, über einen Text auch finanziellen Gewinn zu erlangen. Hobbyschreiber benötigen diesen Anreiz eher nicht auch, wenn er ihnen natürlich im Hinterkopf mitschwingen sollte.

Die Grundhaltung scheint aber in allen Fällen die gleiche zu sein. Im Idealfall wird ein vom Umfang unabhängiger– Text erstellt, weil es einen besonderen Gedanken mitzuteilen gibt … einem breiten Publikum, dem Familienkreis, Bekannten und Gleichgesinnten; es spielt keine Rolle für wen!

So, wie Frau ABC ganz plötzlich den Einfall hat, dass sie ihre Begeisterung mit anderen Lesern der Illustrierten teilen möchte, so, wie Dr. Prof. HIJ erkannt hat, dass im angesprochenen Artikel eine Jahreszahl möglicherweise vertauscht worden ist, so hat auch AZ eigentlich nur den (freilich hintergründigen) Wunsch, seine Gedanken Anderen mitzuteilen und … ihre Urteilsfähigkeit und ihre Vorstellungsgabe anzuregen.

Es geht nicht primär um Antworten zu irgendwelchen Fragen. Es geht in den meisten Fällen um den Motivationsschub, der überhaupt erst Steine zum Rollen bringt.
ICH MUSS!
Wer Poesie, Lyrik und Dramatik richtig lesen kann, der sollte auch in einem kurzen Statement die Botschaft erkennen. Sich Gedanken machen, andere Meinungen aufnehmen, abwiegen, untersuchen, überdenken … zu neuen Erkenntnissen finden und auch dazu, selbst-Erkanntes bestätigt zu bekommen.

Wer schreibt –egal was, wieviel und wie lange– will sich mitteilen. Wer liest, will diese Mitteilungen erfahren. Im Idealfall entwickelt sich hierdurch das Verhältnis Autor-Leser … und dann nennt man das im noch weiter übersteigerten Idealfall: Literatur!

(Vorausgesetzt es findet sich jemand, der gewissen Einfluss auf andere hat, wird aus schlichter ›Literatur‹ letztendlich sogar: KUNST!)

 

 

© a.zeram 2012

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002) VON KÖNIGEN UND PRÄSIDENTEN
          (»Wie viel politische Repräsentanz braucht ein Staat?«)

König-Dame invers

Wer das als Kind einmal miterlebt hat, wird sich bestimmt zurückerinnern: der Prinz und die Prinzessin im prunkvollen Umzugswagen … Bonbons ins Volk werfend, lachend, ganz nah bei einem selbst, bei den Untertanen … Liebe und Verständnis ausstrahlend! Da geht einem doch im Nachhinein noch das Herz auf!

Die Älteren, die sich real an einen royalistischen Herrscher unseres Landes erinnern könnten, werden langsam (sehr) rar … so muss denn der Faschingsstaat das übernehmen, was früher von leibhaftigen Repräsentanten der Macht erledigt wurde.

Richtig?
Nein!
Es gibt selbst bei uns, im strengen Land der Dichter und Denker, der politischen wie sozialen Meinungsfreiheit und der –nicht zu vergessen– Wirtschaftswunder-Mentalität noch immer ein repräsentatives Amt, das dem Volke die Gewissheit vermitteln soll, es sei nicht ohne einen geistigen Führer der Herzen: das Bundespräsidialamt!
Vielleicht leuchtet nicht jedem ein, was so ein Bundespräsident eigentlich zu tun hat und warum es ihn tatsächlich gibt, und sämtliche Royalisten der Welt rümpfen ohnehin nur verächtlich die Nase, denn ein Präsident wird gewählt, während ein König vom Blute seiner Abstammung her prädestiniert sein darf … na ja, manchmal jedenfalls.

Die großen Familien mit adelsblütiger Vergangenheit gibt es heute wie gestern, nur dass zumindest seit der Französischen Revolution und der daraus folgenden, fatalen napoleonischen Nachwehen– der Hochadel Europas kräftig an Ansehen, Besitz und Macht eingebüßt hat. Die Länder, die auch heute noch (meist) mit einer (konstitutionellen) Monarchie und den dazugehörigen Illustren aufwarten können, bestimmen genaugenommen nicht mehr die große Politik. Und ganz global übergreifend gibt es dafür Minister, Kanzler und jede Menge sonstiger Staatsbeamter und Staatsbeauftragter … von den grauen und weniger grauen Eminenzen im finanz-wirtschaftlichen Hintergrund ganz abgesehen. Die Kaiser und Könige der Vergangenheit lenken und leiten heutzutage keine Staaten mehr – auf gewisse Weise repräsentieren sie die Vergangenheit. Von der weltweiten Öffentlichkeit mehr oder weniger beachtet und geliebt!

Wenn heute ein Bundespräsident auf ›Geschäftsreise‹ geht, dann ist das im Vergleich zu einem ›adligen‹ Kollegen aus früheren, hochherrschaftlichen Zeiten sicherlich eine geradezu lachhaft dezente, unkomplizierte Aktion. Weder eigene Köche noch Tanzgruppen und Musiker, Innenarchitekten oder Heerführer mit Tross begleiten sie … nur noch die Gattin oder (falls andersherum gesetzt) der Gatte … zum Einweihungsbandschnitt, zur Fundament-Steinlegung oder einigen Streicheleinheiten in einem Zoo, Kindergarten oder ähnlichen Staatsgeschäften.

Die Royals unserer Zeit leiten dabei durchaus respektable Kleinfirmen, die oft genug gänzlich ohne Zuschuss aus dem Steuerbeutel der angrenzenden Normalgemeinde auskommen. Eigene über die Jahrhunderte gewachsene und gepflegte, zu modernen, lukrativen Großbetrieben herangereifte– Ländereien und Unternehmen garantieren ein nicht unansehnliches Einkommen, welches sich dann mit dem ohnehin arbeitenden finanziellen Grundstock der jeweiligen Familie vereinen darf. Ob es dabei jedes Mal steuerrechtlich ganz astrein zugeht oder welche Vergünstigungen da so nebenher laufen, soll hier nicht das Thema sein.

Die Frage, die hier übergreifend beschäftigen könnte, ist doch eher: Wovon lebt ein gewählter Repräsentant eines Staates?
Natürlich von seinem Gehalt!
Wie jeder andere ›Angestellte‹ und ›Arbeiter‹ im Verbund der wirtschaftlichen Dienstleistungen und politischen Erwartungen eben auch. Wenn der Präsident mit Familie und Leibwache eine Reise tut … dann muss er sehr wohl darauf achten, dass er sein ihm zugestandenes Budget nicht überreizt und auch die öffentliche Meinung dabei berücksichtigt. Selbst private Urlaube in relativ exklusiver Umgebung, ja sogar Bankkredite und deren weiterreichende Auswirkungen wollen da gut geplant und überlegt sein.

Wenn ein König mit seiner Familie irgendwohin fährt, wird er sich möglicherweise eher keine Gedanken über das Volumen der Ausgaben und den Aufwand für die Reise machen vorausgesetzt, er bemüht dafür nicht die Staatskasse. Und Kredite … hat man je von einem Kredit der in diesem Jahr thronjubilierenden Queen Elisabeth II (2012 A.d.A.) gehört?

Und doch … was für ein Unterschied!

Sicherlich erinnern sich noch viele an die Königin der Herzen‹ … an die unvergleichliche Lady Diana … die ›Di‹! – Die hypothetische Überlegung eines Vergleichsbesuches zwischen ihr und dem gerade (2012 A.d.A.) in den vorzeitigen Ruhestand geschickten Herrn Wulff hinkt schon beim Einfädeln des Gedankens:

Das eben eröffnete Waisenheim in Kleinhohennebenhausen nebst Ortschaft davor und flächendeckender Umgebung wären geradezu erstickt unter der Last eines Di-Besuches. Bei der Ankunft des Präsidenten vor einigen Monaten natürlich– hätte man möglicherweise dem örtlichen Polizeihauptwachmeister angeraten, einen Kollegen aus dem nächsten Ort zur Unterstützung anzufordern, um den höheren Verkehrsaufwand –verursacht primär durch Journalisten und Fernsehteams aus der Regionalpresse– zu regulieren.

Klar, man sollte keinen medialen Superstar in einen normalen Vergleich einbringen doch die Essenz dieser Überlegung verbirgt sich ja nicht im Schicksal der verunglückten Diana oder dem von der öffentlichen Meinungsmache niedergerungenen Christian W. … es ist die Relation von alteingesessener Tradition gegen neue Werte!

Warum einen Präsidenten, wenn er denn keinen König spielen soll? Mit allem Prunk und Aufwand und dem ganzen Brimborium, das wir doch alle zumindest zur Karnevalszeit– so lieben!

Die ›Wir wollen den Kaiser wieder haben!‹ oder ›Unser Kini lebe hoch!‹-Rufe sind berechtigt, weil sie das Faschingsprinzenpaar, die Karnevals-Royals und selbst noch den Schützenkönig einer örtlichen Veranstaltung in den ›Adelsstand‹ erheben würden.
Ein Präsident, eine Präsidentin … sie werden immerBürgerliche‹ bleiben und genaugenommen –per definitionem– gar kein Anrecht auf Prunk und Schmäh haben! Sie kosten den Bürger (siehe die Statuten und Lehrsätze der Französischen Revolution und dazu auch gleich die Weiterentwicklung in der Verfassung der Vereinigten Staaten) nur Steuergelder, die verschwendet werden würden.

Ein König ist ein König!
Ganz intern verbindet wohl jeder mit diesem Begriff Prunk und Glanz … und märchenhaftes Einkuscheln in Mutterns schützenden Schoß … also retrograde Verteidigung gegen die vermeintlichen Angriffe der beängstigenden Fremde da draußen in der unübersichtlichen Welt.

Wir haben unsere Politiker, deren Gesamtapparat eine Stange Geld kostet und deren Sinn wie Zweck sicherlich nicht jedem durchsichtig genug erscheint. Aber wo eine Kanzlerin oder ein Finanzminister herumwirbeln, da tut sich immerhin was.
Brauchen wir wirklich obendrauf noch repräsentative Politiker?
Brauchen wir Staatsdiener, die eigentlich keine der Allgemeinheit nützliche Entscheidungsgewalt haben und nur Geld kosten?
Brauchen wir Staatsrentner, die sich auch nach kürzester Dienstzeit über eine geradezu königliche Summe als quasi-Abfindung freuen dürfen?
Oder sollte man die Position eines Bundespräsidenten in einer Demokratie unserer Zeit und unserem Land neu definieren, den Kanzlerposten abschaffen und wieder mehr in Richtung Krone arbeiten … zum Wohle eines Selbstverständnisses aus alten Zeiten?

Prost Mahlzeit. Es wird ohnehin bald wieder gewählt!

»Le roi est mort … vive le roi!«

 

 

© a.zeram 2012

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003 - DER GLÄSERNE BÜRGER
(Teil I - Persönliche Daten, nur nichts rausgeben!)

GlaeserneBuerger

Ein Aufschrei ging durch alle Bevölkerungsschichten, als sich die (deutsche) Bundesregierung Anfang der Achtziger Jahre erdreistete, eine Volkszählung zu avisieren … mit detaillierter Datenerhebung.

Wieso sollte man von sich selbst, vom intimsten Privatleben, von den ur-eigensten Vorlieben, ja sogar von den Familienverhältnissen etwas preisgeben? Dem Staat? – Irgendwelchen dahergelaufenen Bürokraten?

Sollte sich davor nie jemand gefragt haben, was ›Datenschutz‹ bedeutet, ab diesem Zeitpunkt war der Begriff mehr als nur ein Politikum. Er wurde nach und nach zu einer Art ›geflügelten Wortes‹, eingebaut in die Sketche der aufstrebenden Komödianten dieser Zeit (heute sind das ›Comedy-Künstler‹), persifliert in den Büttenreden zur Karnevalszeit und zugleich hochbrisantes Thema ernsthafter Journalisten, Wissenschaftler, Politiker, freier Sozialpädagogen und engagierter Normalbürger ohne jeden Rechtsanspruch. Und es dauert geschlagene sechs Jahre, bis diese groß angekündigte Volkszählung dann endlich stattfinden könnte: 1987 … in der westlichen Bundesrepublik … zwei Jahre vor dem Mauerfall. (1991 gab es dann folgerichtig die nächste Erhebung … allerdings ohne allzu auffällige öffentliche Verwunderung, ohne Proteste und Verdächtigungen sowieso!)

Heutzutage wird unter der Flagge der Terrorismus-Bekämpfung all überall von Vorratsdatenspeicherung, Videoüberwachung auf öffentlichen Plätzen und verschärften Kontrollen auf Flughäfen, Bahnhöfen und –ja sogar– in Sportstätten geredet, (nicht nur) ein Edward Snowden hat aufgezeigt, wie Geheimdienste sich ganz intensiv (und von der üblichen Medienkritik weitgehend unbehelligt) um den braven Bürger kümmern (und nicht nur um den!) … alles ›Erhebungen‹, die weit über jegliche bisher bekannten Möglichkeiten von Eingriffen in die Privatsphäre des ›Volkes‹ hinausreichen. Nicht umsonst kennt heute der halbwegs informierte Bürger Begriffe wie ›wikileaks‹ oder ›whistleblower‹, kann sie zuordnen und eventuell (mehr oder weniger fundiert) Beispiele dazu anführen. Also kein Vergleich mehr zu einer ganz simplen Volkszählung, die mehr oder weniger das erfassen sollte, was genaugenommen längst allgemein bekannt sein musste … Daten, die weder in die private Unantastbarkeit eingreifen noch der omnipotenten Wirtschaft im Hintergrund nützen konnten.

Historisch unbedenklich, genauestens belegt und niemals als Verwertungschance irgendwelcher Internas verdächtigt ... und daher rundherum akzeptiert, gehen Volkszählungen schließlich bis weit in die Antike zurück. (Man denke nur an die biblische Geschichte der ›Heiligen Familie‹). Nach der territorialen Neuordnung als Begleiterscheinung des Wiener Kongresses haben wohl die Preußen mit der Erhebung des Zollvereins 1816 die erste genaue Erfassung steuerpflichtiger Bürger und deren Anhang im nachnapoleonischen Deutschland durchführen lassen.
Rückblickend sind die Befürchtungen damaliger Protestierender durchaus einleuchtend. Man entstammte einer Generation von Revoluzzern, wollte nicht nur Freiheit und Friede, sondern auch Sicherheit und Selbstbestimmung, Freude und Ruhe … sozialpolitische Argumente wurden damals ebenso misstrauisch beäugt wie die hehren Erklärungsversuche der Volkszählungsbefürworter, die keinem der betroffenen Ämter und Beamten auch nur im Entferntesten so etwas wie Datenmissbrauch zutrauen wollten. Zumal ja ohnehin … die zu erhebenden Daten unter Verschluss, rein personenbezogen, anonym … jedenfalls nicht im Nachhinein einsehbar und rückverfolgbar sein würden.

Dabei dämmerte die graublaue Morgenröte bereits am Horizont und warf ihre allgewaltigen, alles verschlingenden Schatten voraus: das Word Wide Web ... mit Möglichkeiten, von denen zu dieser Zeit noch nicht einmal die am besten informierten Politiker eine blasse Ahnung haben konnten – da die Möglichkeiten, die von technischen Visionären angesprochen wurden, grundsätzlich jegliches Vorstellungsvermögen des normal-Sterblichen überstiegen.

Der ›Gläserne Bürger‹, der ›Überwachungsstaat‹, ›Big Brother‹, Orwells 1984 … die ›brave new world‹-Fantasien der Philosophen, Literaten und Religionstheoretiker erlangten in diesen Jahren Aktualität, Brisanz … erschreckende Realitätsnähe!
Immer enger schien der Staat sich an den Einzelnen heranschleichen zu können – von der Steuerbehörde über die Krankenversicherer, von der Polizei bis hin zum Einwohnermeldeamt. Eigentlich sollte es schon kaum mehr Geheimnisse geben können … jedenfalls keine, die einen Arbeitgeber, einflussreiche Schwiegereltern oder entsprechend neugi
erige Journalisten der entsprechend gearteten
Presse interessiert hätten.

Der Bürger war erfasst, und seiner Leistung entsprechend konnte er bewertet werden. Jegliche Nachforschungen über die Hintergründe zu einer Person dauerten zwar noch etwas länger, als man das heute voraussetzt, doch das Ziel wurde auch damals zeitnah erreicht. Kommunikationsmittel befanden sich immerhin noch in einem geradezu steinzeitlichen Zustand … die Relation zum Aufwand einer zehnseitigen Fax-Übertragung oder der Installation eines Autotelefons seinerzeit im Vergleich zum heutigen Mailversand oder einer Handy-Inbetriebnahme berücksichtigend.

Wer in den historisch belegten Fakten dieser Jahre herumkramt, trifft jedoch sehr rasch auf humoristische Verwicklungen, wenn damalige Befürchtungen, Beweisführungen, Unterschriftenaktionen, Bürgerbegehren etc. mit dem verglichen werden, was heute -–knapp dreißig Jahre später– nicht einfach Alltag geworden ist, sondern ganz schlicht: Notwendigkeit!

Niemand will und kann mehr auf seine persönliche Verkabelung mit dem internationalen Netz verzichten ... nicht auf Handy, Smartphone (inkl. aller möglichen Apps), Netbook oder Tablet-PC, Reader oder internetfähigem TV-Apparat. Die Freisprechanlage im Auto, der Knopf im Ohr beim Joggen oder Einkaufen – das gehört ebenso zur Grundausstattung des modernen Menschen wie das Navi … inzwischen auch längst komfortabel auf dem Handy, für den Stadtrundgang am Urlaubsort einsetzbar … mit der App, die genau weiß, wo–wie–was–wann wir gerade brauchen, suchen, erleben oder auch gar nicht beurteilen können! Da wird die eingetippte Suche nach einem Restaurant oder einer Tankstelle, einer Sehenswürdigkeit oder einem besonderen Geschäft im Handumdrehen zur Datenfalle!
WIR SIND DA … geortet im GPS-Netz (oder anderswo) … nachvollziehbar für alle, die sich mit der entsprechenden Soft- und Hardware auskennen. (Nicht nur Geheimagenten aus Medien, Real & Fiktion interessieren sich für alles, was BürgerIN heute so macht … und auch der vom Ehepartner engagierte Privatschnüffler ist nicht unbedingt die  Spitze des Eisbergs. Niemand möchte wissen, was Wirtschafts-Konzerne tatsächlich alles ausspionieren! – … oder doch?)

WIR SIND DA … gläsern, durchsichtig … überall erfasst und nachverfolgbar. Die ›Tracker‹ bleiben uns ganz eng an der Ferse haften … und wir tun (in der Regel) nichts, um sie abzuschütteln. (Nicht nur, weil wir sie gar nicht bemerken!)
Die aufwändige und dabei doch sehr dezente Verkabelung früherer Zeiten ist einer multimedialen Vernetzung gewichen, die zugleich den privaten Haushalt mit einschließt und die Preisgabe jeglicher Vorlieben voraussetzt. Der Schritt bis zur fremdgesteuerten Heizung ist dabei ebenso naheliegend wie die visionäre Planung der unfallresistenten Fahrzeuge für die Zukunft … Autopilot per se, schon um den Einfluss einer menschlichen Fehlerquelle zu minimieren.

Unser Verhalten ändert sich nicht plötzlich, nicht ruckartig. Wir lernen stetig und setzen neue Möglichkeiten bewusst um. Einzig die Folgen bleiben dabei manchmal unberücksichtigt.
Wir bestellen nicht nur über namhafte Internet-Versender, wir geben diesen Machtzentren der Neuzeit auch noch freiwillig und gerne sämtliches Feedback, an das Händler noch vor dreißig Jahren nur unter gigantischem Einsatz logistischer, materieller und auch personeller Ressourcen gelangen konnten … und dies natürlich nur durch Freigabe riesiger finanzieller Mittel. Ganz grob vereinfacht ausgedrückt: Der Endkunde übernimmt so nach und nach die Qualitäts-Werbung, für die seinerzeit Spezialisten angeheuert werden mussten: Rezensionen, Beurteilungen, Zufriedenheitsbekundungen, teils sogar technisch detaillierte Beschreibungen … der Käufer von heute begnügt sich nicht damit, seine in aller Zufriedenheit ausprobierte Ware zu beschreiben, zu empfehlen oder auch – im Gegenfall – von einem Kauf abzuraten. Nicht selten werden die Empfehlungen mit persönlichen Daten gespickt und übergossen, deren verlangte Preisgabe vor dreißig Jahren die Vorfahren auf die Barrikaden getrieben hätte … die aber damals noch gar nicht gewünscht gewesen ist!

Eine seltene Schieflage zwischen Erinnerungsvermögen, historischem Bewusstsein und aktueller Notwendigkeit wirft seltsame Lichtreflexe auf die aktuelle Marktsituation. Der Normalbürger verrät über sein Kaufverhalten mehr von sich, als er jemals bei einer Volksbefragung/Volkszählung in den Achtzigern von sich hätte preisgeben müssen. Mit Begeisterung werden Fragebogen ausgefüllt, die das eigene Konsumverhalten nur am Rande streifen, vielmehr auf das hin abzielen, was bisher noch nicht durch Einkäufe dokumentiert wurde. Ohne Gewissensbisse werden Empfehlungsadressen von Familienmitgliedern, Bekannten und Nachbarn in entsprechende Felder eingetragen … vielleicht, um einen Bonus zu ergattern – in Form von einlösbaren Mitglieds-Punkten für ein Produkt oder gar ein Gewinnspiel … mit Sofortrente-Aussicht, Traumurlaub-Hoffnung oder Traumhaus/Traumauto-Verlockung.

Ja, WENN alles so wunderbar einfach ist, DANN braucht man sich nicht zu fürchten. Gegen Viren, Trojaner und andere Computerschädlinge hat man eine Software-Lösung, bei den ›Phishing‹-Mails passt man als versierter Internetaler sowieso auf, und die Tatsache, dass irgendwelche Spamangebote aus der Region Fiji-Inseln oder Hinter-Kasachstan immer häufiger werden, das die Angebote von Viagra über schneller-Sex-gleich-in-der-Nachbarschaft, von günstigen Rolex-Uhren bis Kaviar zum Sprotten-Preis oder Kfz-Versicherungen zum fast-Nulltarif und ›einfachen‹ sorglos-Bankkrediten die bunte, schöne, herrliche Welt des WWW immer großzügiger und schillernder darstellen …
… das verdeckt nach und nach immer mehr die eigene Privatsphäre.

Nicht genug mit dem ganz offiziellen Verhalten des aktuellen Bürgers, der vor einigen Jahren die Befürchtung hegte, er würde gläsern werden und überprüfbar. Eben dieser Bürger setzt im privaten Bereich alles daran, die Details, die er den Großfirmen der medialen Konsumwelt noch nicht mitgeteilt hat, möglichst breit und effektiv publik zu machen.
Über die Möglichkeiten, sich in ›Social Networks‹ zu profilieren, lesen Sie im nächsten Blog … Teil II zu diesem Thema.

Durchsichtig werden wir von ganz alleine.

 

 

 

© a.zeram 2012/15

Weiterführende Infos zum Thema Volkszählung: http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Volksz%C3%A4hlungen_in_Deutschland
 

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004 - DER GLÄSERNE BÜRGER II
(Teil II - Persönliche Daten: Was wollt ihr wissen?)

GlaeserneBuerger-mini

So manchem passionierten Briefeschreiber sind E-Mails schlichtwegs ein Gräuel. Attribute wie ›unpersönlich‹ oder ›oberflächlich‹ gehören als Beweisführung zu dieser Abneigung ebenso wie die grundsätzliche Ablehnung der elektronischen Datenübermittlung im persönlichen Bereich … also über die Anforderungen eines gewissen Maßes an ›technischem Know-How‹ hinaus – eher als marginale Einstellung zur persönlichen, auch intimen Kommunikation mit Menschen generell.

Selbstverständlich haben selbst Skeptiker und Altvordere inzwischen erkannt, dass viele der technischen Errungenschaften unserer Zeit auch Vorteile für jene bieten, die sich nicht sofort auf jede revolutionäre Neuerung stürzen. Mal schnell das erste Halbjahres-Zeugnis des Enkels scannen und per Mail durchreichen, damit Omi und Opi eventuell ein paar Euronen rüberwachsen lassen, geschäftliche Daten dem Kollegen zusenden, Videokonferenzen mit einem Partner auf der anderen Seite der Erdkugel, ein Chat mit dem Sprössling auf der Soloreise nach dem Abi, Steuererklärung online … die Präferenzen müssen nur gesetzt sein.

Wer lieber mit der Hand schreibt, sich Gedanken über Schreibgerät (Füller oder Kuli, Buntstift oder Bleistift?) und Papier (Bütten, weiße/bunte Kopierware oder gar edles Papyrus?) macht, der kennt vielleicht gar nicht die Sorgen des modernen SMS-Junkies, der kaum mehr telefonieren möchte … lieber sich selbst beweist, wie rasch ein 50-Zeichen-Text ins Smartphone oder Handy eingegeben werden kann … nebst Video-Botschaft und den allgegenwärtigen Emoticons. Und auch der Mail-Versender, der ein Schreibgerät nur noch zur Unterschrift auf seiner Bank-Karte zur Hand nimmt, wird möglicherweise keine Zeit darauf verwenden, darüber zu sinnieren, wie sicher die Übertragung seiner Nachrichten ist. Der heutige Nutzer der modernen Kommunikationswege ist ausreichend gewarnt, erhält Hilfe in Form multifunktionaler Software-Lösungen und kennt die Gefahren, die überall im Netz multimedialer Anwendungen und Möglichkeiten auf den Unbedachten lauern.

Mit jedem persönlichen Statement, mit jedem Hinweis und jeder Datei, die ein User eines Übertragungsprogrammes ins freie, weltweite Netz stellt, haben nicht nur jene darauf Zugriff, für die eine Nachricht oder ein Kommentar tatsächlich gedacht ist: Es gibt genügend kriminelle Energie, die genau dort ansetzt, wo die Nachlässigkeit des Normalbürgers die natürliche Scham und jegliche, manchmal angeborene Vorsicht über Bord wirft! Ein Klick auf ein Werbebanner hier, eine abgeschickte Teilnahme an einem Gewinnspiel dort … die Verlockungen reichen von der alltäglichen Werbepost im Hausbriefkasten über die elektronische Mailbox bis hin zu den bunt flackernden Schlagzeilen, die jeden Nutzer eines Internet-Zugangs schon beim Aufruf seiner Startseite zu einemSeitenblick‹ verlocken sollen.

Nicht genug damit, dass die wahren Kriminellen an Bankdaten, Kreditkartennummern oder auch nur ein paar intime Geheimnisse gelangen wollen, um daraus Kapital zu schlagen in der Regel fallen die unaufmerksamen User der vielfältigen Internet-Angebote oft genau dort auf die Nase, wo sie es am allerwenigsten erwartet hätten. Ein Fragebogen vom Lieblingsversender hat eine Flut von ›Angeboten, genau auf SIE zugeschnitten‹ zur Folge, der Klick auf eine Artikelansicht zieht eine Empfehlungsliste ›ähnlicher Produkte‹ nach sich und ein –nicht wirklich selten– ›unbewusster Klick‹ auf einen ›Gefällt mir‹-Button bringt eine reiche Auswahl an Informationen über viele und vielerlei.

Ja, da scheint es einmal die Zeit gegeben zu haben, in der argwöhnische oder auch einfach nur besorgte Mütter die private Briefpost an ihre unverheirateten Töchter über Wasserdampf vorsichtig geöffnet haben, als eifersüchtige Ehefrauen die Jackett-Taschen des immer wieder beruflich so plötzlich zu Überstunden verpflichteten Gatten inspizierten und man selbst vom ungeliebten Nachbarn kaum mehr wusste, als die Automarke des Wagens in der Tiefgarage.

Die Zeiten haben sich wohl etwas geändert. Dort wo noch vor zwei Jahrzehnten Privatsphäre in übergroßen Lettern geschrieben stand, wütet heute das Mitteilungsbedürfnis eines zusehends vereinsamenden Individuums in einer nach außen hin fröhlich in den Tag hineinfeiernden Spaß-Gesellschaft. Das, was der Staat nie erfahren dürfte, wird in unbekannten Verkaufsportalen für Hobby-Künstler ebenso dargelegt wie auf weltweit beachteten Tauschbörsen und privaten Marktplätzen, die an große Verkaufsplattformen mit Alleinherrschaftsanspruch angegliedert sind. Das Datennetz liegt nicht nur großflächig über allem, deckt nicht nur jeden Winkel der Bedürfnisse eines Jeden ab … es ist wie ein Auge in jedem privaten Wohn- und Schlafzimmer.

Mit jedem ersteigerten oder gekauften Artikel, mit jeder irgendwo geäußerten Meinung und jedem auch noch so unbedeutenden Klick auf irgendeinen Link auf gleich welcher Seite verdichten sich Details über einen einzelnen User zu einem vielschichtigen und über die Dauer der Nutzungszeit kompletteren Informations-Bild. Dieses Profil ist für die entsprechenden Stellen nicht nur jederzeit und ohne Einwilligung des Betroffenen abrufbar, auswertbar und für völlig unterschiedliche Zwecke einsetzbar es ist vor allem eine Voraussetzung für den finanziellen Profit, der die ganze Maschinerie erst ermöglicht und auch weiterhin ermöglichen wird.

Der moderne Bürger hat keine Skrupel, seine innersten Gefühle nach außen hin jedermann zugänglich zu machen. Sei es Liebe, Jux, Freude, Tod, Trauer oder Verzweiflung … die entsprechenden Portale des Social Network‹ bieten jedem eine Bühne zur Selbstdarstellung. Wer sich rein nur produzieren will, ist hier ebenso gut aufgehoben wie der Einsame, der Aufmerksamkeit sucht, der Schüchterne, der mal die ›Sau rauslassen‹ will oder der Spezialist auf Suche nach Gleichgesinnten.

Oh ja … die Vorteile solcher Plattformen liegen auf der Hand. Kommunikationeasy & pure‹ … ›Freunde‹ per Klick und Spaß im Minutentakt. Dazu kommen Austausch von Erkenntnissen und Erfahrungen, Hilfestellung in allen Lebenslagen und auch einmal ein tröstendes Wort für jene, die am Boden zerstört und verzweifelt ans Mitgefühl ihrer internetalen Freunde appellieren. Ganze Doktorarbeiten wurden schon im Teamwork erarbeitet, ebenso wie das Vier-Gänge-Menü oder auch nur die besondere Torte zu einem festlichen Anlass. Da hat einer den Tipp für die Wehwehchen des Neugeboren, ein anderer hilft mit technischem Knowhow beim fatalen PC-Streik am Wochenende und auch die Durchleuchtung des avisierten Urlaubszieles klappt über ein paar User eines Portals, die schon dort gewesen sind … die man aber nie zuvor gesehen hat, und die einem auch weiter nie wichtig werden sollten.

Der Gläserne Bürger‹ ist nicht grundsätzlich eine Entwicklung, die uns mit Angst und Schrecken erfüllen sollte. Zu viel Positives steht hier in einer abartig schiefen Relation zu den Negativismen der Erscheinung. Wir geben Geheimnisse preis, die wir zu Zeiten der handgeschriebenen Mitteilung niemals verraten hätten, doch erhalten wir dafür eine Flut von Informationen, die wir uns zu eben diesen vergangenen Zeiten ebenfalls nie träumen hätten lassen. Die Möglichkeiten zielen weit über das hinaus, was unsere Vorväter noch mühsam in vielbändigen Enzyklopädien nachschlagen mussten … weit über das hinaus, was Mundpropaganda und persönliche Bekanntschaften ausmachen konnten. Logischerweise haben uns viele dieser technischen Neuerungen gewaltige Einschnitte im privaten Dasein beschert, und zugleich der Maschine eine gewisse Gewalt über den Menschen gegeben, der sie erfunden, entwickelt und massentauglich im Alltag eingebaut hat. Die Möglichkeiten jedoch sind es, über die man sich klar werden sollte … ohne in jeder Argumentation die verlorene Kontrolle über die eigene Persönlichkeit zu beklagen.

Der Bürger ist nicht ›gläsern‹ geworden – er hat sich über sein neu definiertes Verhalten offengelegt und dabei selbst klargestellt, dass … sein Verhältnis zur eigenen Privatsphäre dem Stand der technischen Sprunghaftigkeit hinterherhinkt. Niemand ist schließlich dazu verpflichtet, im Netz einen Beitrag zu posten, dass er sich sündhaft teure, neue Schuhe oder einen günstigen gebrauchten Flat Screen gekauft hat ... und keiner ist angehalten weder vom sensationellen, multiplen Orgasmus mit der Karnevalsbekanntschaft noch vom Fortschritt der frisch in den Balkonkasten umgesetzten Tomatenpflänzchen zu berichten. Auch die Bilderflut zum Kindergeburtstag der Jüngsten oder die Reminiszenzen an den letzten Urlaub zwingt uns niemand auf mit anderen, die wir (ohnehin) gar nicht kennen, zu teilen.

Jegliche Art von Information, die wir dem Netz übermitteln, indem wir –teils ziemlich gedankenlos– unsere intimsten und geheimsten Seiten der Weltöffentlichkeit offen ausbreiten, führt direkt zu den Sammelstellen aller verfügbaren Personen-Daten. Hier wird ausgewertet, umgeschlagen und weiterverarbeitet, was jeder Einzelne ganz spezifisch für sich selbst und –meist unbewusst– auch für Bekannte, Freunde oder Verwandte zum Ausschlachten im Netz freigegeben hat. Spam, Phishing, Mobbing … im Netz ist dies lediglich eine logische Weiterführung eben der Freizügigkeiten, die von der großen Community akzeptiert, abgesegnet und konsequent im alltäglichen Habitus umgesetzt wurde.

Es sind die Schranken, die wir selbst immer wieder aufs Neue niederreißen, Gesetze, die wir brechen, Regeln, die wir neu definieren oder umgehen … und so sollten wir uns nicht darüber wundern, wenn gewisse Werte eines Tages ganz schlicht nicht mehr da sind.

›Wie man sich bettet, so …‹

 

© a. zeram 2012/15

 

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